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Stadt der Engel - exotischer Traum oder Chaos?

Die jetzt nur noch 25 Kilometer lange Autofahrt vom Flughafen Suvarnabhumi zum Zentrum von Bangkok wird all jene Besucher verwirren, die sich von den Klischees der Werbeprospekte haben beeindrucken lassen.

Bangkok Airport

Vom neuen Flughafen aus gibt es 4 Schnellstrassen, die von klein- industriellen Betrieben wie von supermodernen Hotel- und Bürokomplexen gesaumt werden und nur selten einen Blick in die Landschaft zulassen. Streng genommen enden die am Stadtrand, münden in enge, ständig von Autos, Motorrädern, Tuk-Tuks und Bussen verstopfte Strassen, in denen sich der Verkehr nur noch schleppend, häufig schrittweise vorwärts bewegt, wo die Abgase wie ein Nebel in der Luft zu stehen scheinen. Wäre nicht noch die drückende Hitze, man würde das klimatisierte Taxi verlassen und zu Fuss weitergehen, um schneller voranzukommen. Die Mutation dieser Strasse liegt in 15 m Höhe über ihr, eine Strasse auf Stelzen. Ihr ist es zu verdanken, dass sich die Fahrtzeit in die Stadt auf ein Drittel verringert hat. Für Touristen hauptsächlich, denn man muss eine Maut bezahlen, für viele Thais zu teuer.

Für den Nichteingeweihten ist Bangkok eine asiatische Stadt wie jede andere: einst vielgepriesen als das "Venedig des Ostens", wurde es zu einer mittleren Zivilisationskatastrophe. Unbewältigte Ver- West- lichung, Profitdenken und Tourismus mit all seinen Folgen haben städtebauliche Herzrhythmusstörungen hervorgerufen.

Bangkok Verkehr

Die Gehwege auf beiden Seiten der Strassen wirken verwahrlost, als hätte man sie aufgerissen und nur provisorisch wieder zugedeckt. Der Fussgänger tut gut daran, vor sich auf den Boden zu sehen, unversehens kann ein nicht abgesichertes tiefes Loch vorhanden sein, eine Baustelle, ein Graben, ein offenstehender Kanaldeckel. Lange Leute sollten aber auch nach oben sehen, denn viele Schilder hängen sehr tief. Thais können dann gerade noch darunter herlaufen, für Farangs sind sie oft in Knpfhöhe. Es gibt Zeiten am Tag, zu denen die Hauptstrassen Bangkoks von Autos blockiert sind. Und obwohl auf den Autos je nach Hubraum bis zu 300 % (dreihundert!) Zoll liegen, werden Jahr für Jahr mehrere hunderttausend Kraftfahrzeuge eingeführt. In Bangkok werden täglich mehr als 500 Autos neu zugelassen - eines der Rätsel, die Bangkok aufgibt. Lange schon tragen die Verkehrspolizisten Atemmasken, sie wären für alle Menschen in Bangkok angebracht.

Bangkok ist eine Stadt der Widersprüche: auf den ersten Blick eine Anhäufung von Neuem aus West und Altem aus Ost, von Harmonie und Chaos, von Exotischem und Banalem. Und doch lebt hinter den Betonkulissen das für uns geheimnisvolle Thailand der Vergangenheit weiter.

Die roten Tempeldächer überragen nicht mehr die Hotel-, Büro- und Appartementgiganten, und doch können Sie in einem Augenblick in einem verträumten Tempelhof sitzen, umgeben vom rhythmischen Gesang der Mönche und dem Getingel der kleinen Tempelglöckchen, und im nächsten Augenblick Gesundheit und Leben riskieren bei dem Versuch, eine Strasse zu überqueren. Für mich und viele andere, die sich für Bangkok begeistern können, ist es die Vitalität und Vielseitigkeit, die kaum miteinander zu vereinbarenden Gegensätze, die der Stadt ihre Unverwechselbarkeit geben.

Bangkok Chao Phraya

Ständig wird man von völlig unerwarteten Szenen oder Perspektiven überrascht: ein schmaler Klongh, der an supermodernen Hotels vorüberzieht, auf dem kleine Boote mit Garküchen oder mit Obst und Gemüse beladen geräuschlos vorübergleiten und auf dem womöglich gleichzeitig knatternde Speedboote vorbeisausen; ein tropischer Bilderbuchgarten; eine elegante kleine Pagode; eine Frau, die auf dem Gehweg Girlanden aus Jasminblüten flicht, die von den Käufern den Buddhastatuen oder Geisterhäuschen geopfert werden; Kinder, die auf den Strassen diese Girlanden verkaufen oder die sich durch das Säubern der Autoscheiben ein Zubrot verdienen wollen, dabei aber ebenfalls ihre Gesundheit riskieren; Tausende von Zugschwalben am Abend dichtgedrängt auf den Lichtleitungen über der Silom- oder Suriwongseroad; unter eben diesen Lichtleitungen Hunderte von kleinen Garküchen, Andenkenständen; am frühen Morgen schattenboxende 80jährige Chinesen im Lumphini-Park. All das ist Bangkok. All das kennenzulernen, dauert Jahre, wenn man es überhaupt einmal schafft.

Der englische Schriftsteller Somerset Maugham, der sich im "Oriental Hotel" von einer schweren Malaria erholte, schrieb Anfang dieses Jahrhunderts in dem Band "The Gentleman in the Parlour":
"Motorboote ratterten hin und her. Ungezählte Sampans lagen auf dem Fluss. Grosse Dampfboote und Segelschiffe kamen von der Mündung herauf, so dass die Atmosphäre eines geschäftigen Hafens entstand. Früh am Morgen, vor der Hitze des Tages, war die Szene fröhlich und lebhaft; und dann wieder gegen Sonnenuntergang, dann war das Bild voller Farben, und dann auch ganz bedrohlich mit den schweren Schatten der heraufziehenden Nacht."

Boote in Bangkok

Auch heute noch ist die Situation nicht viel anders. Nehmen Sie sich ruhig einmal die Zeit, am späten Nachmittag auf einer der Flussterrassen einen Kaffee oder Tee zu trinken, geniessen Sie diese Atmosphäre. Gleich neben der Terrasse ist eine Anlegestelle für die Schnellboote. Da die Boote nur kurz anlegen, ist kaum Zeit zum Aus- oder Einsteigen, die letzten Fahrgäste müssen oft springen. Auf dem Fluss wird immer noch Reis, Holz und sicher auch Opium aus dem Norden transportiert. Die Mündung des Flusses bildet den einzigen Handelshafen, über den Thailand verfügt. In Thonburi gegenüber haben sich die alten Klonghs weitgehend erhalten, und es lohnt sich immer noch, mit einem gemieteten Boot eine Fahrt hindurch zu unternehmen. Wer jedoch dem Strom der Touristen folgt und nicht wagt, eigene Wege zu gehen, wer gegen Entgelt morgens eines der vielen Gruppenboote besteigt, der hat am Ende dieser Fahrt nicht viel gesehen. Wer aber früher als die Touristenarmada losfährt, der erlebt die Klonghs ganz anders.

Oder unternehmen Sie eine Stadtrundfahrt mit dem Sky Train, einer Hochbahn von der Sukhumvit Road bis zum Weekend Market und zur Taksin Brücke und neuerdings weiter nach Thonburi.

Das Leben der am Klongh wohnenden Menschen ist in allen Bereichen mit dem Wasser verbunden. Der Fluss oder Klongh wird als Badezimmer, Toilette und Waschküche in einem und gleichzeitig benutzt. Die Menschen treiben Handel auf dem Wasser, benutzen ihre kleinen Boote als Fortbewegungsmittel. Überall Geschäftigkeit, überall ein freundliches Winken.

 

Von einer meiner Gruppenreisen habe ich zu berichten:
" Ich bin mit einer kleinen Reisegruppe unterwegs. Wir haben uns das Boot am Oriental-Pier mit einer freundlichen jungen Thai als Bootsführerin gemietet. Ich habe nicht beachtet, dass wir uns soeben einer kleinen Brücke nähern, auf der sich einige Kinder und Jugendliche aufhalten. Kurz bevor wir die Brücke passieren, springen mehrere der Kinder vor uns ins Wasser. Zuerst sind sie nicht mehr zu sehen, doch plötzlich ergreifen kleine Hände die Bordwand, kleine schwarze Haare erscheinen und darunter die Kinder. Sie hangeln sich auf das Boot - und fragen nach Münzen: One Baht, please! Sie klettern auf der schmalen Bordwand weiter nach hinten, und bevor ich auch nur einen Wamruf ausstossen kann, springen alle wie unter einem geheimen Kommando wieder ins Wasser. Haaaaalt, meine Tasche! Moderne Flusspiraterie. Nicht typisch für thaitändische Kinder, nein, auf gar keinen Fall! Aber selbst erlebt, mehrfach gehört - für manche Touristen soll es ein Vergnügen sein, diesen Kindern Münzen ins Wasser zu werfen, auf dass diese danach tauchen. Moderne Sklaverei?"