Brief

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(M)ein Brief an die Redaktion “reisefieber”

Hayit Verlag GmbH
Hansaring 84 – 86

5000 Köln 1                                                                                                                                                                                                                                     22.7.1986

Liebe Redaktion „reisefieber“,

mit einigem Entsetzen habe ich gelesen, daß Ihr Euch jetzt auch des Themas Sextourismus am Beispiel von Bangkok annehmen werdet.

Es gab in den letzten Jahren viele, zu viele Veröffentlichungen darüber, schlecht eruiert, reißerisch aufgemacht, keinem dienlich. Und wenn der „Spiegel“ sich gar zu der Behauptung aufrafft, jede 10. Frau in Thailand lebe von der Prostitution, so ist das einfach eine plumpe Lüge. Mit Zahlen und Material kann das sicherlich nicht belegt werden.

Die deutschen Städte (und Dörfer) bieten in Wahrheit viel mehr an Nachtleben und offener oder versteckter Prostitution als Thailand. Dort konzentriert sich halt alles in den Touristenzentren Bangkok, Pattaya, in den letzten Jahren noch Chiang Mai und Phuket. Und selbst in Bangkok wiederum auf die Gebiete in und um Pat Pong und Soi Cowboy sowie die Massagesalons. Alles andere geschieht vereinzelt.

Die Veröffentlichungen haben aber im Wesentlichen zwei nachteilige Folgen: die dafür Anfälligen werden angezogen und diejenigen, die gerne ein asiatisches Land kennenlernen möchten, werden abgehalten.

Beides kann nicht im Sinne des Landes und seiner Einwohner sein, denen man zutiefst unrecht angedeihen läßt. Was mich und jeden, der Thailand aus ehrlichem Herzen gerne hat, dabei trifft, ist nicht das Problem Mädchen und Frauen; dieses gibt es in jedem Land. Schlimmer ist das Verhalten und Auftreten eben jener Sextouristen, die sich, sicher aus Unkenntnis, nun jeder Frau und jedem Mädchen nähern wollen und es nicht zu begreifen scheinen, daß sie sich ihre Opfer eben nur in Bars, Hotels und Etablissements zu suchen haben, die glauben, mit ihrem Geld alles und jeden kaufen zu können. Und leider gehören die Deutschen nicht zu den beliebtesten Touristen, rangieren gerade soeben noch vor den (...) [vom Verfasser ausgelassen, man könnte das als Rassismus missverstehen]

Über das Problem der Mädchen und Frauen habe ich mir auch, trotz nunmehr langjähriger intensiver Kenntnis über Land und Leute, noch kein irgendwie geartetes Urteil gebildet. Zu wechselhaft, zu vielfältig muß man dies angehen, und zu oft schon habe ich eine Meinung dazu wieder ändern müssen.

Daß alles seinen Urpsrung in der Zeit hat, als die amerikanischen Soldaten Thailand als Urlaubsgebiet und Naherholungsgebiet von Vietnam aus betrachtet und genutzt haben, ist unbestreitbar.Und daß die asiatische Mentalität dem entgegenkam, kann man nicht einfach erklären, ist aber wohl so (übrigens treffend dargestellt an der Figur der „Suzie Wong“ von Richard Mason).

Da gibt es die Frau, die eine Familie zu ernähren hat, genauso wie das leichtlebige Ding, das eben den Drang der Touristen ausnutzt, um zu Geld zu kommen. Und unter den Mädchen gibt es sowohl die Scheue und Zurückhaltende wie die Forsche und Draufgängerische. Was aber allen gemeinsam ist, daß sie kaum etwas und kaum jemanden ernst nehmen, und daß die große Liebe weitaus seltener ist als vielleicht angenommen. Und wenn man abends einmal bestimmte Lokale aufsucht sieht man allenthalben professionelle Liebesbriefschreiber, die zu den üblichen Floskeln dann noch die kranke Mutter oder Schwester erfinden, die dem wieder nach Deutschland zurückgekehrten Liebhaber noch einmal ein paar Mark entlocken sollen. Na und??

Und wenn man an den Abreisetagen Touristenhotels wie das Grace oder Rajah o.a. besucht wird man immer wieder Zeuge tränenreicher Abschiede; und sobald der Bus oder das Taxi ausser Sichtweite sind geht das Gedränge vor den Spiegeln los, vor denen „Sie“ sich wieder zurechtmacht – für den nächsten. Aber trotz allem kann ich diesen Mädchen einen gewissen Respekt nicht vorenthalten; die wenigsten die ich kennenlernte, nutzen das so gewonnene Geld für eigene Zwecke,
Und um einmal eine andere Seite Thailands zu beleuchten, möchte ich ein kleines Beispiel aus der Heimat meiner Ehefrau, Roiet in Nordostthailand, anführen:
Dort musste in diesem Jahr ein Nachbarjunge sein Mädchen heiraten, weil sie gesehen wurden beim Hand-in-Hand-Spaziergang. Anders war diese Beleidigung für die Familie nicht aus der Welt zu schaffen. (Später allerdings habe ich erfahren, wie schlau diese beiden waren, die unbedingt heiraten wollten, aber nicht durften). Und eine Mutter mit unehelichem Kind wird unweigerlich aus der Familiengemeinschaft ausgestoßen. So streng sind eben dort die Sitten.

Natürlich reagiere ich beim Thema Thailand emotional, aber ich möchte mich dafür einsetzen, dieses schöne Land mit seinen lieben Menschen im richtigen Licht erscheinen zu lassen. Das versuche ich mit meinen Reisen und in allen Gesprächen mit Reisenden.

Mit freundlichen Grüßen aus Koblenz