Böse Geister

Die bösen Geister

Die Liste der bösen Geister ist besonders lang. Wen wunderts?

Phi Ha
Dies sind die Phie der epidemischen Krankheiten, besonders der Cholera. Sie tauchen periodisch in einem Schwarm aus dem Nichts auf. Ereignen sich häufige Todesfälle ohne ersichtlichen Grund in der Bevölkerung, sucht man die Verursacher in den Phie Ha. Verschiedene Schutzmaßnahmen werden ausgeführt: Man erwirbt religiöses Verdienst, um sie zu besänftigen, oder man läßt sie rituell vertreiben. Früher pflegten die Menschen vor dem Haus oder am Kopf der Treppe einen leeren Zuckertopf aus Ton aufzuhängen. Mit Kalkwasser wurde eine grobe Skizze außen auf den Boden des Topfes gezeichnet, die zwei kleine, wie Augen nebeneinanderliegende Kreise darstellte, darunter eine vertikale Linie als Nase und eine horizontale als Mund. Es hatte etwas damit zu tun, den Phie Ha davon abzuhalten, in das Haus einzudringen und die Bewohner zu töten. Die Zeichnung auf dem Zuckertopf wurde "Tra Khun Phon", Siegel Khun Phons, genannt. Khun Phon bedeutet "Generalissimus". Er war der Generalissimus der Schar der bösen Geister. Sein Siegel an den Eingang eines Hauses zu hängen, hieß also, daß es seinem Schutz unterstand. Beim Anblick dieses Siegels erschraken die Phie Ha und hätten niemals gewagt, die Bewohner des Hauses zu belästigen.
Die Alten erzählten den Kindern, die Phie Ha kämen in Booten, und nachts könne man ihr "Yeou, yeou", mit dem sie die Ruderer anfeuerten, von ganz weit her schwach vernehmen. Das Beste, was die Kinder tun könnten, sei, gleich ins Bett zu gehen. Unter den Thai- Stämmen müssen in der Vergangenheit Epidemien recht bekannt gewesen sein, denn der Ausdruck ha ist allgemein gebräuchlich, wenn auch mit verschiedenen Tönen. Wie das Wort Pret wird auch Ha vulgär in der Umgangssprache verwendet, besonders von jungen Männern. Sie reden einander vertraulich mit Ai Ha oder Ai Ha Gin an und gebrauchen es hin und wieder in ihrer Rede als familiären und herzlichen Ausdruck. "Der Ha soll (dich oder mich) fressen" wird gedankenlos in der Umgangssprache verwendet wie im Deutschen das Wort "verdammt, ohne zu überlegen, daß Ha einst eine gefährliche Bedeutung besaß.

Phie Pa
Phie Pa bedeutet "Phie des Waldes oder des Dschungels". Es gibt zahlreiche Arten davon; sie beschränken sich auf den Wald und kommen nur selten in ein Dorf oder eine Stadt. Tauchen sie trotzdem einmal auf, heißt dies, etwas ist nicht in Ordnung im Dorf oder in der Stadt. Gewöhnlich treten sie in der Form einer Epidemie auf. Die Menschen haben große Angst vor Schmetterlingen, die in ungewöhnlichen Schwärmen in das Dorf oder die Stadt flattern. Sie glauben, Schmetterlinge seien Vorboten einer Seuche; Schmetterlingsschwärme kommen aus dem Dschungel, der Heimat solcher Krankheiten, vor allem der Malaria, Khai Pa, Dschungel- Fieber, im Volksmund. Im Thai wird ein Schmetterling Phie Süa genannt mit der Bedeutung "Phie mit Familie" oder "Phie mit Angehörigen". Der Ausdruck findet sich in vielen Namen von bösen Geistern. Eine Riesin oder Menschenfresserin heißt Phie Süa Yak,oder Yaksha Phie Süa; haust sie in einem Teich oder einem Tümpel, wird sie Phie Süa Nam, Wasser- Phie Süa, genannt. Ein großer Nachtfalter wird ebenfalls als Phie Süa Yak bezeichnet.

Phie Gong Goi
Es heißt, der Phie Gong Goi habe bloß ein Bein und hüpfe auf einem Fuß durch die Gegend. Er hält sich im Wald auf und kommt nur nachts heraus. Die Menschen erkennen an den Lauten, daß er da ist, noch nie hat ihn jemand wirklich erblickt. Sein Schrei klingt ungefähr wie "Gong goi! Gong goi!", daher sein Name. Nähert er sich, vernimmt man ein "Chu, chu" zunächst von ferne, das dann näher und näher kommt. Die Menschen, die eine Nacht im Dschungel verbringen, erkennen den Klang und wissen, daß er bei lautem Schreien erschrickt und verschwindet. Beim Rückzug stößt er einen Ton aus wie das Rascheln der Blätter an einem Baum in einer Windbö. Die Leute glauben, daß dieser Phie in der Nacht erscheint, um Blut aus dem Zeh eines Wanderers zu saugen, der im Dschungel übernachtet. Das Saugen schwächt die Person, und sie stirbt. Vielleicht ist der Phie Gong Goi eine Art Vampir- Fledermaus.

Phie Pong Khang
Pong bezeichnet ein Gebiet mit salziger Erde, in anderen Worten eine Salzstelle im Wald. Khang ist ein Langur oder Langschwanzaffe. Ein Phie Pong Khang ist also ein Phie in der Gestalt dieses Tieres, der an einer Salzstelle haust. Man berichtet, daß dieser Phie im Gegensatz zum Khang- Affen einen kurzen Schwanz besitzt. Seine Oberlippe ist aufgeworfen und entblößt die Vorderzähne. Nachts steigt er von dem großen Baum neben der Salzstelle, auf dem er lebt, und saugt wie der Phie Gong Goi das Blut eines Schläfers. Kampiert man im Wald neben einer Salzstelle, muß man vor diesem Phie auf der Hut sein!
Zweifellos ist der Phie Pong Khang eine Art Affe mit nächtlicher Lebensweise wie der Lemur, ein Wort, das ursprünglich ebenfalls einen Geist bezeichnete. Dem Glauben nach tastet der Khang- Affe, wenn er nachts von seinem Baum klettert, zuerst herum und befühlt den Boden, um sich zu vergewissern, daß er noch vorhanden ist, statt rasch herunterzuspringen. Es geht das Gerücht, daß Tiger in der Nähe lauern, um den Khang- Affen anzufallen, während er heruntersteigt. Niemand hat je festgestellt, ob dies den Tatsachen entspricht.

Phie Lang Gluang
Übersetzt bedeutet der Name "Phie in menschlicher Gestalt mit offenem Rücken". Durch die Öffnung erblickt man alle Eingeweide, und in diesen wimmeln die Würmer. Sitzen Leute des Nachts im Freien um ein Feuer, um sich zu wärmen, oder gehen nachts fischen, taucht plötzlich aus dem Nichts ein Fremder auf und gesellt sich zu ihnen, der Phie Lang Gluang. Er tut niemandem etwas zuleide, will er sich einen Spaß machen, bittet er einen Jungen aus der Gruppe, ihm den Rücken zu kratzen. Dadurch wird der Fremde als Phie Lang Gluang entlarvt, denn sein Rücken ist offen und voller Maden. Diese Phie leben in einer Gemeinschaft für sich im Wald. Vielleicht waren es ursprünglich gar keine Phie, sondern Eingeborene, deren charakteristisches Hohlkreuz übertrieben dargestellt wurde. Ein chinesisches Werk, das "Shan-hai-jing", enthält Berichte über viele, seltsame Völker, die jenseits der Grenzen des Reichs der Mitte leben: Unter ihnen finden sich kaum seltsamere als jene, von denen man berichtete, daß sie ein Loch in ihrem Oberkörper haben. Alles, was also benötigt wurde, um eine hochgestellte Persönlichkeit von einem Ort zum anderen zu transportieren, war eine lange Bambusstange, die man durch das Loch steckte und auf der die Person von Trägem wie eine Sänfte getragen wurde. Bestehen Verbindungen welcher Art auch immer zwischen diesem seltsamen Volk und den Phie Lang Gluang?

Phie Grasu
Dieser Geist erscheint als als häßliches altes Weib wie die europäischen Hexen. Obwohl er wie ein gewöhnlicher Mensch mitten unter den Leuten haust, vermeidet er doch, wenn irgend möglich, jeden Kontakt mit ihnen. Seine Augen zeigen den finsteren Blick, charakteristisch für alle Phie in menschlicher Gestalt. Der Phie Grasü besitzt eine Vorliebe für rohe und faulige Speisen. Ebenso verschlingt er menschliche Exkremente. Mitten in der Nacht schleicht er herum auf der Suche nach Nahrung. Niemals geht er jedoch mit dem ganzen Körper aus, nur der Kopf und die Eingeweide wandern umher. Erblickt man mitten in der rabenschwarzen Nacht ein Schimmern, dann ist dies der Phie Grasü. Während er nämlich mit Kopf und Eingeweiden durch die Nacht streift, sendet er ein solches Glühen aus. Analog heißt das Glühwürmchen in Thai Non Grasü, Grasü- Wurm. Und eine Blendlaterne wird Khom Grasü, Grasü- Laterne, genannt.
Bei der Geburt eines Kindes erscheint der Phie Grasü, angelockt durch den Blutgeruch oder einen anderen unangenehmen Geruch, um seine Lieblingsspeise zu genießen. Werden keine Vorsichtsmaßnahmen gegen sein Auftauchen getroffen, indem man den Ort sauber und frei von solch üblen Gerüchen hält, den Abgang in den unteren Teil des Hauses mit Dornen versperrt und den Raum, wo die Geburt stattfand, mit einer geweihten Schnur und mystischen Zeichen und Bildern (Yan) sichert, dringt der Phie Grasü prompt in das Zimmer ein, wenn alle schlafen. Verstohlen schlüpft er in den Körper des Neugeborenen und frißt von seinen Eingeweiden, bis das Kind stirbt.
Nicht satt mit dieser kleinen Portion - der Phie Grasü ist äußerst gefräßig - kriecht er in den Körper der Mutter und nagt auch noch langsam an ihren Eingeweiden. Daraufhin wird die Mutter krank. Sie wird schmaler und schmaler, verliert den Appetit auf normales Essen und giert gewöhnlich nach allen rohen und fauligen Speisen. Nicht eher verläßt er den Körper, bis sein Opfer verschieden ist. Diese seine Eigenschaft spendet der Thai- Sprache einige Redewendungen: Von einer unmäßigen Person sagt man, sie sei "gefräßig wie ein Phie Grasü" oder sie "frißt wie ein Phie Grasü". Wird ein Mensch immer dünner aufgrund einer Krankheit des Magens oder der Eingeweide, sagt man von ihm, er gleiche einer Person, die vom Phie Grasü ausgesaugt werde. Ein Bündel ungewöhnlich dünner Bananen soll "vom Phie Grasü ausgesaugt worden sein". Die Wurzel einer bestimmten Pflanze, in Thai Phlai genannt und von gelber Farbe (Zingiber casumnar), heißt Wan Grasü, Grasü- Knolle. Sie verdankt ihren Namen der Tatsache, daß einige Wurzeln dieser Pflanze nachts ein phosphoreszierendes Leuchten ausstrahlen.
Der Volksglaube meint, daß eine alte Frau, die ein Phie Grasü ist, keinen leichten Tod hat, wenn sie an Altersschwäche stirbt. Sie wird sich mit einem langen Leiden hinschleppen, es sei denn, es gelingt ihr, ihren Speichel jemandem in den Mund zu spucken. Jener wird ihr direkter Nachkomme. Danach kann sie in Frieden sterben, und ihr Erbe folgt ihr als Phie Grasü. Hat die Frau keinen Nachkommen, und niemand findet sich bereit, ihr Erbe anzutreten, bleibt ihr als Ausweg, ein wenig von ihrem Speichel auf eine Katze zu übertragen; die Frau wird dann ruhig sterben. Ob dann allerdings die Katze zum Phie Grasü wird ist nirgendwo überliefert.

Phie Phong
In gewisser Weise gleicht der Phie Phong dem Phie Grasü. Er liebt ebenfalls rohe und faulige Speisen, und er strahlt das gleiche Glimmem aus, wenn er durch die Nacht streift. Ein Phie Phong ist schon seinem Namen nach eine Art leuchtender Phie. Doch in anderen Aspekten unterscheidet sich der Phie Phong vom Phie Grasü. Es findet sich kein Hinweis auf sein Geschlecht, und er geht nachts auch nicht nur mit Kopf und Eingeweiden aus. Diese Beschreibung des Phie Phong stammt von der Bevölkerung in Chiang Mai, während der Phie Phong im Nordosten davon abweicht, und in gewissen Eigenschaften mit dem Phie Grasü übereinstimmt. Man berichtet, daß sich ein Mensch, der eine Wan- Pflanze der besonders wirksamen Art bei sich trägt, in einen Phie Phong verwandelt. Wan bezeichnet eine undefinierbare Gruppe von Kräutern und Pflanzen, die normalerweise einen Wurzelstock aufweisen. Sie werden als Medizin oder auch als Speise verwendet, und einige davon sind giftig.
Der Phie Phong schweift gerne durch die Nacht nach einem andauernden Nieselregen. Er bevorzugt als Nahrung wie der Phie Grasü schmutzige Dinge. Und er strahlt ebenfalls einen Lichtschimmer aus, wo immer er sich bewegt; andere erzählen aber, daß er lange Lichtstrahlen aus seinen Nasenlöchern schleudert. Gewöhnlich lauert er während der Niederkunft einer Frau in menschlicher Gestalt unter dem Boden eines Hauses an einer Öffnung. Darin gleicht sein Charakter dem des Phie Grasü. Bemerkt ihn jemand und erkennt, daß er sich in dieser oder jener Gestalt verbirgt, wirft er einen Speer auf ihn. Mit dem Speer tief in seinem Rücken wird der Phie Phong fliehen. Sieht man am Morgen beim Haus der betreffenden Person nach, stellt man überrascht fest, daß diese unverletzt ist; den Speer jedoch findet man fest im Wurzelstock einer bestimmten WanPflanze nahebei stecken. Den Grund kennen wir bereits. Der Wurzelstock jener WanPflanze hat sich mit Hilfe seiner mächtigen Eigenschaften in einen Phie Phong verwandelt und die menschliche Gestalt seines Besitzers angenommen. Obwohl derPhie Phong in einigen Aspekten dem Phie Grasii ähnelt, fügt er doch niemals den Menschen Schaden zu. Dies steht in auffallendem Widerspruch zu dem, was oben gesagt wurde. Aber so ist es gewöhnlich, wenn man sich mit dem Geheimnisvollen und dem Unsichtbaren beschäftigt. Jeder Befragte berichtet seine eigenen Vorstellungen, und eine Geschichte wird immer in den Details variieren.

Phie Kamot
Der Phie Khamot ist ein Irrlicht, ein Phie, der nachts an sumpfigen Orten erscheint. Er fügt den Menschen kein direktes Leid zu, aber er lockt sie mit seinem leuchtenden Schein von Ort zu Ort, bis sie sich verirrt haben. Das karnbodschanische Wort für Phie lautet Khamot. Die Thai haben diesen Ausdruck übemommen und bezeichnen damit speziell den Irrlicht- Phie, während die Kambodschaner jeden Phie, der Licht ausstrahlt, Thamop nennen. Vergleichen wir das Wort Thamop mit dem Chamop in den alten Thai- Gesetzen: Sie sind offensichtlich phonetisch gleich. Aber der thailändische Phie Chamop muß sich vom Irrlicht- Phie unterscheiden, der harmlos ist; der Phie Chamop war nämlich, wie man den alten thailändischen Gesetzen entnehmen kann, ein bösartiger Geist.

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Phie Ga
Die Leute in Chiang Mai sagen, daß der Phie Ga menschliche Gestalt besitze. Eine Person, die ein Phie Ga ist, benimmt sich seltsam, anders als die normalen Menschen, und ihre Augen schweifen ständig rastlos und verschlagen umher. Dieser Phie ist gefräßig wie der Phie Grasü, daher sein Name Phie Ga. Man hat mir mitgeteilt, daß die Wörter ga und chagla, "gefräßig", "gierig", ein und derselbe Ausdruck sind. Ersteres ist lediglich eine verkürzte Form. Ein Phie Ga schlüpft in irgendeinen Menschen, zweifellos um seine Eingeweide zu fressen wie der Phie Grasü. Die befallene Person verspürt scharfe Schmerzen. Tritt ein solcher Fall ein, ruft man einen Zauberer oder Medizinmann, in Thai Mo Phie, Phie- Doktor, zu Hilfe. Im Nordosten heißt der Mo Phie Mo Thevada, sicher um der Zweideutigkeit in der Bedeutung des Wortes Phie auszuweichen, das sowohl einen guten wie einen bösen Geist meint. Als Mo Phie wird auch ein Mensch bezeichnet, der Phie zu bösen Zwecken hält.
Der Doktor treibt den Phie Ga durch harte Schläge auf den Patienten mit seiner magischen Rute aus, oder er verwendet dazu ein magisches Messer, Miet Mo, "Doktor- Messer". Er kann auch einen magischen Elefantenzahn benützen, mit dem er den Körper seines Patienten an mehreren Stellen sticht. Bei jedem Schlag mit der magischen Rute oder jedem Stich mit dem Messer oder einem anderen Instrument schreit der Patient im Namen des Phie Ga um Gnade. Er ruft zum Beispiel: "Au! Au! Ich habe Angst vor dir und komme jetzt heraus. Schlag mich nicht mehr!" Und als Antwort auf die entsprechende Frage des Doktors antwortet der Phie Ga, er sei die und die Person und wohne in dem und dem Dorf. Hat der Phie Ga den Körper verlassen, erlangt der Besessene seinen normalen Zustand wieder und fühlt keine Schmerzen mehr vom Schlagen oder Stechen des Doktors. Sucht man aber denjenigen auf, der beschuldigt worden ist, der Phie Ga zu sein, so findet man ihn an eben den Schlägen und Stichen leidend, die der Doktor dem Besessenen zugefügt hat. Über die Bestrafung, die derjenige erhält, der als Phie Ga entlarvt wurde, wußte mein Informant nichts, da dieser Bericht auf einer Tradition beruht, die über die Strafe nichts aussagt. Einen Hinweis darauf finden wir beim Phie Pop des Nordostens, Phie Pop und Phie Ga gehören eindeutig zur gleichen Art von Phie, nur ihre Namen unterscheiden sich.

Phie Boop
In seinem Charakter und Verhalten ähnelt der Phie Pop dem Phie Ga. Und wenn eine Person von einem Phie Pop besessen ist, verfährt man auch in der gleichen Weise. Ist jemand im Dorf als Phie Pop bekannt geworden, jagen ihn die Dorfbewohner geschlossen aus seinem Haus und aus dem Dorf, und nicht nur ihn allein, sondern auch seine Familie. Wenn jemand ein Phie Pop sein soll, leiden seine Angehörigen darunter, daß sie nicht mehr unter den anderen Menschen leben dürfen. Manchmal schließen sich einige ausgestoßene Familien, in denen sich ein Phie Pop befinden soll, zu einer Dorfgemeinde zusammen, in der sie dann für sich existieren. Sollte aber einer von ihnen in ein entferntes Dorf ziehen und dort als Phie Pop entdeckt werden, der jemanden befallen hat, wird er wieder vertrieben. Der Phie Pop fürchtet vor allem drei Arten von Menschen: den Mo Thevada, eine Person, die mächtige Zaubersprüche wirksam anwenden kann, und einen Mönch, der in diesen Künsten bewandert ist. Kann keiner von diesen erreicht werden, weigert sich der Phie Pop hartnäckig, den Menschen, den er besessen hat, zu verlassen.
Wie finden nun die Dorfbewohner heraus, daß jemand ein Phie Pop ist? Der Befallene ruft in seiner Krankheit etwa folgendes: "Ich habe diesen Mann befallen, um ein Unrecht zu rächen, das er mir angetan hat. Ich heiße so und so, meine Frau und meine Kinder sind jene, ich lebe in dem und dem Dorf." Ist auf diese Weise bekannt geworden, wer der Phie Pop ist, suchen die Dorfbewohner den Dorfvorsteher auf und bitten ihn, den vermeintlichen Phie Pop zu vertreiben. Nach dessen Vertreibung lädt man Mönche ein, die mitten im Dorf bestimmte Kapitel aus den buddhistischen Schriften rezitieren, um eine Rückkehr zu verhindern. Ein Phie Pop fügt,Leuten seines Schlags keinen Schaden zu, und er greift auch Würdenträger oder Leute aus der Stadt nicht an, da er fürchtet, seine Kraft als Phie Pop zu verlieren. Früher ergaben sich oft Schwierigkeiten, da die Landbevölkerung keine Einmischung in ihre überkommenen Vorstellungen gestattete.

Obwohl der Phie Pop vor allem im Nordosten heimisch ist, kennt man ihn, besonders die ältere Generation, im Gegensatz zum Phie Ga normalerweise auch in Bangkok. Im Volksglauben gibt es vor allem drei Arten von Phie, die Menschen befallen: Phie Pop, Phie Tai Höng und Phie Tai Thang Glom. Ein Mensch, der eines gewaltsamen Todes stirbt, wird zum Phie Tai Hong, und eine Frau, die mit ihrem Kind während der Geburt stirbt, verwandelt sich in einen Phie Tai Thang Glom. Die Bevölkerung fürchtet diese drei Phie sehr. Die Sitte verlangt, daß der Leichnam einer Person, die gewaltsam oder im Kindbett gestorben ist, nicht verbrannt wird wie eine normale Leiche, sondern begraben werden muß. Ein Toter, der nicht verbrannt wurde, heißt Phie dip, roher Phie. Jemand, der sich mit Magie beschäftigt, z. B. ein PhieDoktor, hält sich solche Phie für seine finsteren Zwecke. Der Phie befällt entweder aus eigener Bosheit einen Menschen, oder er wird von einem PhieDoktor geschickt. Wünscht man einem Feind zu schaden, kann man gegen ein gewisses Entgelt einen PhieDoktor engagieren, der dann einen seiner Phie aussendet, um den Feind zu befallen. Frauen werden leicht von den Phie angegriffen, Männer dagegen nur selten. Das Opfer fängt ohne ersichtlichen Grund an, bitterlich zu weinen, und weint die Nacht oder den Tag über ohne Unterlaß. Ein Tobsuchtsanfall folgt. Ruhelos und mit funkelnden Augen beschimpft die besessene Person jeden und erklärt manchmal, sie sei ein Phie, der ein zugefügtes Unrecht rächt oder vom Phie- Doktor so und so geschickt wurde. Kommt ihr jemand zu nahe oder versucht, ihr gut zuzureden, tritt und kratzt sie ihn heftig; niemandem gestattet sie, sie zu berühren. Sie entwickelt dabei übermenschliche Kräfte. Tatsächlich ist jede Geste, jede Bewegung, die sie macht, nicht normal und läßt in den Augen der Leute keinen Zweifel an ihrer Besessenheit.
In einem solchen Fall verständigt man den Phie- Doktor. Tritt dieser zu ihr, beruhigt sie sich und zeigt manchmal Zeichen von Ehrfurcht. Der Phie- Doktor fragt sie, was für ein Phie sie ist, und warum der Phie hierhergekommen ist. Wurde der Phie von jemandem geschickt, erkundigt man sich auch nach dessen Namen. Beantwortet der Phie eine Frage nicht, wird wieder die magische Rute oder ein anderes magisches Instrument mit aller Härte angewandt, bis die Besessene schließlich aufgibt und die geforderten Auskünfte liefert. Daraufhin stellt der Phie- Doktor die letzte Frage: "Kommst du heraus?" Die Antwort des Phie fällt zunächst immer negativ aus, er versucht, sich im Körper zu verstecken. Aber der Phie- Doktor weiß durch seine vermeintlich magischen Kenntnisse, in welchen Teilen des Körpers der besessenen Frau sich der Phie verbirgt. Er bringt seine magische Rute oder sein Messer an diesem Körperteil zur Anwendung. jedesmal wenn die Peitsche oder das Messer den Körper berührt, wechselt der Phie sein Versteck. Doch unbeirrt folgt ihm das magische Werkzeug. Der Phie flieht tiefer, bis er eine der Pratu Lom eines Fußes erreicht. Eine Pratu Lom, wörtlich "Wind- Tür", ist der Raum zwischen den Wurzeln nebeneinanderliegender Finger oder Zehen, wo, wie man glaubt, der Lebenshauch entweicht. Auf seiner Flucht vor der magischen Rute oder dem Messer gelangt der Phie dorthin und versucht, für kurze Zeit aus dem Körper zu entkommen. Um ihn an der Rückkehr zu hindern, drückt der Doktor die Zehen oder Finger zusammen, ergreift den flüchtenden Phie, indem er sie dreht, und steckt ihn, immer in der Vorstellung natürlich, in einen neuen, zu diesem Zweck bereitgestellten irdenen Topf, dessen Öffnung er mit einem Stück Tuch mit mystischen Buchstaben und Zeichen versiegelt. Der Topf kann vergraben oder versenkt werden wie der Geist in 1001 Nacht. Der Doktor kann den Phie aber auch behalten und ihn zur Abwehr verwenden; er kann ihn als Vergeltung seinem früheren Besitzer auf den Hals schicken.

Phie Tai Thang Glom
Dieser Phie hat seine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit einem Liebeszauber oder -trank. Wurde eine Frau, die im Kindbett gestorben ist, begraben und wurden keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen, so schleichen die, die sich mit Magie befassen, mitten in der Nacht, vorzugsweise am dritten Tag nach dem Tod der Frau, auf den Friedhof und graben die Leiche aus. Zuvor haben sie den Platz mit einer geweihten Schnur umspannt und Beschwörungen gemurmelt, um den Geist der Toten am Entkommen zu hindern. Ist dieses grausige Geschäft im Flackern der Kerzen und unter Beschwörungsgemurmel entsprechend weit fortgeschritten, taucht plötzlich ein unheimliches Licht von der Leiche auf und hüpft auf und nieder. Dies ist der Geist der Frau, der versucht zu entkommen; aber wegen der mystischen Barriere der geweihten Schnur kann er nicht weg. Das Licht wird von einem Phie Doktor eingefangen und in einen mitgebrachten Tontopf gesteckt, den er mit einem Tuch mit mystischen Zeichen versiegelt. Der Leichnam wird danach aufgesetzt, und man hält ihm eine brennende Kerze unter das Kinn. Ein kleines Gefäß, das darunter gehalten wird, fängt das Fett vom Kinn der Leiche auf, das durch die Hitze der Kerzenflamme heruntertropft. Durch Hörensagen glaubt man, daß sich die Armmuskeln der Leiche durch die Kerzenhitze zusammenziehen und versuchen, die Grabschänder zu umarmen. Dies gilt als sicheres Zeichen dafür, daß das gewünschte Ergebnis erreicht wurde. Das greuliche Öl wird im selben Topf verstaut, in dem in der Vorstellung der Geist steckt. Wird ein wenig von diesem Öl heimlich auf ein Mädchen geschmiert, zeigt das machtvolle Öl eine wunderbare Wirkung: Sie wird verrückt vor Liebe zu dem Mann, der sie damit beschmiert hat. Tatsächlich stellt dieses dämonische Öl ein wohlbekanntes Liebesmittel dar, und seine Wirksamkeit wird vom leichtgläubigen Volk niemals angezweifelt.

Phie Pray
Der Geist eines Kindes, das im Mutterleib stirbt, wird Phie Phray genannt. Dies ist ein schrecklicher, sehr gefürchteter Phie, denn er schadet jedem, vor allem Frauen im Kindbett. Magische Vorsichtsmaßnahmen sollen sein Erscheinen verhindern.
Stirbt ein Neugeborenes, legt man die Leiche in einen irdenen Topf und versiegelt diesen mit mystischen Zeichen, um es davon abzuhalten, umzugehen und ein Phie Phray zu werden. Der Topf wird vergraben oder im Fluß versenkt. Dies gilt als die sicherste Methode, die Rückkehr eines wilden Phie, der gefangen wurde, zu verhindern. Lebt die Mutter noch und trifft man keine derartigen Vorkehrungen, wird es zurückkommen, um sie mitzunehmen. Ein Phie- Doktor oder ein Zauberer hält gerne solche Phie in seinen Diensten, sowohl den Geist der Mutter als auch den des Kindes. Wie der Phie- Doktor einen Phie Phray erwischt, wird ausführlich beschrieben in einem der berühmtesten Werke der thailändischen Literatur "Khun Chang Khun Phän", einem populären Liebesroman, der in der alten Zeit spielt. Ein Phie Phray kann benutzt werden, um das Haus vor den Angriffen anderer Phie oder vor Menschen, die in übler Absicht kommen, zu schützen. Der Phie Phray kann die Gestalt einer Frau annehmen. Ist der Eindringling ein junger, gutaussehender Mann, verliebt sich der Phie Phray manchmal in ihn, verwandelt sich in ein junges Mädchen und flirtet mit ihm. Wehe dem Jüngling, der sich den Umarmungen des Phie hingibt! Diese Beschreibung stammt aus besagtem Roman, der eine romantische Darstellung der guten alten Zeit liefert. Das bereits erwähnte Öl aus dem Kinn einer im Kindbett verstorbenen Frau heißt „PhrayÖl“ (Nam Man Phray). Eine Bananenstaude, die in der Keimphase abstirbt, wird Tai Phray genannt, jemand, der "als Phray gestorben" ist.

Phie Pret
Eine weitere Form der Kategorie der Phie ist allen gut bekannt, der Phie Pret. Der Ausdruck führt auf einen Sanskrit- Ursprung zurück, preta, das einen heimatlosen Geist oder hungrigen Dämon bezeichnet. Dem Glauben der Hindu nach wird der Mensch nach dem Tod zu einem Hungergeist. Bringt man ihm in den ersten zehn Tagen nach seinem Tod keine Gaben in Form einer Reiskugel und Wasser für seine Sättigung, leidet der Geist des Toten großen Hunger und wird zu einem ruhelos wandernden Phie. Im Buddhismus wurde der Preta weiter ausgearbeitet zu zwölf Klassen, doch im Volksglauben der Thai gibt es nur eine Art von Preta oder Pret. Der thailändische Pret ist ein sehr großer und sehr dürrer Phie mit menschlicher Gestalt. "So groß wie ein Pret", "so dürr wie ein Pret' und "ein Hals so lang wie ein Pret" sind allgemein übliche Vergleiche im Thai, um große, dünne Menschen zu beschreiben. Wirres Haar, langer Hals, eingefallene Wangen, tiefliegende Augen, ein winziger Mund; der Phie Pret ist äußerst häßlich. Er saugt Eiter und Blut, kann damit seinen Hunger jedoch nicht stillen, weil sein Mund nur die Größe eines Nadelöhrs aufweist. Er stößt einen schrillen Schrei aus, ähnlich dem heulenden Ton einer Alarmsirene; dieser Lärm verkündet seine Ankunft. Er streckt gern seine ungeheuer lange Zunge heraus und läßt die Augen hervorquellen. Dies ist übrigens charakteristisch für jede Art von Phie, der jemanden in menschlicher Gestalt erschrecken will. Der Phie Pret haust gewöhnlich auf einem Friedhof oder an einem verlassenen Ort und erscheint gelegentlich nachts, um die Leute zu erschrecken.

Eine Person, die zu Lebzeiten eine schwere Sünde auf sich geladen hat, wird nach dem Tod ein Phie Pret. Zahlreiche Geschichten über Phie Pret sind im Volk in Umlauf, verstärkt durch eine Episode aus dem bereits erwähnten Roman "Khun Chang Khun Phän ", die jeder kennt. Wan Thong, die Heldin, starb und wurde ein Phie Pret. Sie verwandelte sich in ein schönes Mädchen, um ihren Sohn, der eine Armee auf einem Kriegszug befehligte, vor einer bevorstehenden Gefahr zu warnen. Während eines längeren Aufenthaltes in unserem Dorf Baan Nong Waeng wurde im thailändischen Fernsehen täglich spätabends eine Serie auf der Grundlage dieses Romans ausgestrahlt, und wir hatten damals, weil wir einen von zwei Fernsehern besaßen, jeden Abend Besuch von Nachbarn einschliesslich sämtlicher Kinder, die sich diese Geschichte nicht entgehen liessen. Es war für mich die Gelegenheit zu erleben, wie sich Menschen von Geistern fangen und von Geschichten wie dieser faszinieren lassen.