ChaoPhie

Die Chao Phie

In der Vorstellung des einfachen Volkes gibt es an unbewohnten, einsamen Plätzen, wie im Wald oder in der Wildnis, unsichtbare Wesen, Phie, und zwar hauptsächlich von der üblen Sorte. Über diese zahlreichen Phie herrscht an jedem dieser Orte ein Fürst, Chao Phie, der sein eigenes Reich oder seine Einflußsphäre besitzt. Man findet dort einen Schrein, der von der Bevölkerung an einer herausragenden Stelle als Residenz des Chao Phie errichtet wird und wo die Menschen Opfer bringen und das Wohlwollen und den Schutz des Chao Phie erbitten können.

Der Chao Phie ist also eine Schutz- oder Wächtergottheit, in Thai Arak oder Thepharak genannt. Das Volk nennt diese Chao Phie ehrerbietig Chao Pho oder Chao Mae, Fürst Vater" bzw. Fürstin Mutter", je nach Sachlage. Wendet sich ein Bittsteller an den Chao Pho oder die Chao Mae, bezeichnet er sich selbst interessanterweise als Luk Chang, "Elefantenkalb". Vielleicht liegt der Ursprung dieser Bezeichnung darin, daß in früheren Zeiten Herden von Elefanten überall herumschweiften. Eine Elefantenherde konnte jederzeit plötzlich auftauchen und die Ernte der Menschen vernichten. In dieser Situation war die Bevölkerung hilflos und unfähig, die Lage zu meistern. Der primitive Verstand schrieb nun alles Außergewöhnliche, von der Normalität Abweichende und Furcht Einflößende, dem Übernatürlichen zu. Also konnte in diesem Fall der Leitelefant nur der verwandelte Chao Phie sein, der auftrat, um seine Untergebenen für ihre Nachlässigkeit ihm gegenüber, ihrem unsichtbaren Vater, zu strafen. Indem sie sich Luk Chang, Elefantenkälber, nannten und die Elefanten anflehten, den Ort zu verlassen, war der Chao Phie in Elefantengestalt wieder besänftigt. Möglicherweise ist dies der Ursprung des Ausdrucks Luk Chang.

In einer Rodung oder einer Lichtung in einem Waldstück oder an irgendeinem anderen auffallenden Platz befindet sich gewöhnlich ein Schrein für den Chao Phie, der, so vermutet man, für den Wald als seine Domäne sorgt. Jeder, der den Forst betritt, muß zunächst an diesem Schrein dem Chao Pho bzw. der Chao Mae seine Verehrung erweisen. Will man zum eigenen Gebrauch Bäume fällen oder jagen, muß ebenfalls zuerst der Chao Phie verehrt und um Erlaubnis gebeten werden. Üblicherweise biegt man dazu das eine Ende eines Stocks zu einem Haken und steckt ihn mit dem anderen Ende in die Erde oder hängt ihn in Höhe der Augen eines stehenden Menschen an einen bestimmten Platz. Dies gilt als Akt des Respektes unter den Thai.

Die Frage ist, warum der Stock zu einem Haken gebogen wird, wenn man den Chao Phie um Erlaubnis bittet. Das Wort "Haken" lautet in Thai Kho; es weist die gleiche Aussprache auf wie der Ausdruck "um Erlaubnis bitten". Es handelt sich also um ein Wortspiel mit identischer Aussprache aber verschiedenen Bedeutungen. Hat man den Stock mit dem Haken aufgestellt, läßt man ihn normalerweise über Nacht an Ort und Stelle. Ist der Stock am Morgen unverändert, gilt dies als Zeichen, daß der Chao Phie seine oder ihre Zustimmung gewährt hat
Liegt ein sicheres Zeichen des Chao Phie vor, daß die Genehmigung erfolgt ist, dürfen die Leute den Wald betreten und Bäume fällen und jagen, soviel sie für ihren eigenen heimischen Gebrauch benötigen. Beim Verlassen des Waldes mit

dem Holz oder der Beute, halten sie wieder am Schrein an, um dem Chao Phie zu danken. Von der Jagdbeute wird als Gabe für ihn ein bestimmter Teil abgeschnitten, gewöhnlich die Ohren und die Nasenspitze. Es ist paradox, daß meist gerade die nicht eßbaren Teile des Tieres als geeignete Opfergabe für den Chao Phie angesehen werden. Doch eine derartige Praxis ist im primitiven animistischen Glauben vieler Völker allgemein üblich.

Die Menschen wissen aus Erfahrung, daß der Chao Phie in bestimmten Jahreszeiten, vor allem in der Regenzeit, die Zustimmung, Holz zu schneiden oder zu jagen, verweigert, selbst wenn er darum gebeten wurde. Sollte es trotzdem einer wagen, wird ihm etwas Unangenehmes zustoßen, oder er kann Fieber bekommen. Dies ist dann auf den Zorn des Chao Phie zurückzuführen. Dieser naive Glaube hat für die Menschen aber durchaus einen Wert. Junge Bäume und Tiere können zu bestimmten Jahreszeiten ungestört wachsen und gedeihen. Ein paar "fortschrittliche" Stadtbewohner gehen jedoch heute mit Hilfe von Einheimischen hinaus, fällen Bäume, jagen und mißachten die Regeln der Tradition. Die Menschen, die beginnen, Ohnmacht bei ihren Chao Phie zu verspüren, ahmen ihre so "modernen" Brüder nach, ohne zu erkennen, daß dies Schäden verursacht; und deshalb wurde dem Wald und dem Wild auch schwerer Schaden zugefügt.
Der Chao Phie, dessen Reich der Wald ist, wird manchmal auch Chao Pha, Herr des Waldes, genannt. Tatsächlich gibt es Chao Phie verschiedener Örtlichkeiten, z. B. einen Chao Khao, Herr des Berges, einen Chao Thung, Herr des freien Landes, einen Chao Tha, Herr der Fähre oder der Anlegestelle, und einen Chao Thii, Herr des Ortes. Die Menschen glauben, daß diese Geister tagsüber zwischen Mittag und zwei Uhr nachmittags herumwandem. Während dieser Stunden unterbrechen Reisende ihre Wanderung aus Furcht, den Unsichtbaren unabsichtlich auf die Füße zu treten, sich dadurch deren Zorn zuzuziehen und krank zu werden. Diese Gewohnheit hat durchaus praktische Seiten. Durch die Mittagshitze, wenn die Sonne auf die Köpfe brennt, über offenes Land zu marschieren, ist kaum erträglich. Man kann sich einen Sonnenstich zuziehen, und dies bedeutet dann, daß man diesem oder jenem Chao Phie auf die Zehen getreten. ist.

Die Chao Phie entwickelten sich, wie bereits erwähnt, wahrscheinlich aus natürlichen Objekten, die dem Volk Ehrfurcht einflößten; daher handelt es sich um Naturgeister. Doch es gibt eine besondere Art von Chao Phie, die aus den Geistern der Toten entstanden und dem Andenken an herausragende Verstorbene erwachsen sind. Man verehrt sie mit Liebe oder Furcht, je nach ihrem guten oder schlechten Ruf zu Lebzeiten. Solche Chao Phie tragen keine eigene Bezeichnung. Für die Menschen existieren keine wesensmäßigen Unterschiede unter ihnen; alle werden mit ähnlichen Attributen und Verhaltensweisen ausgestattet. Nur in Nordosttbailand sind diese als eine besondere Klasse mit dem Namen Phie Mahesak bekannt, eine korrupte Form des Sanskrit- Begriffs mahesakha, große Macht. Die Bevölkerung fürchtet sie sehr, vor allem jene Phie Mahesak, die zu Lebzeiten einen äußerst wilden und grausamen Ruf genossen. Bereits eine winzige Nachlässigkeit oder Vergeßlichkeit bei der Verehrung dieser Geister zieht schweres Leid nach sich.