Erdgeist

Der Erdgeist Chao Tii

In Bangkok und den umliegenden Gebieten der Zentralebene spielt der Erdgeist eine sehr große Rolle. Dieser Geist, Chao Thii, wohnt in einem Geisthäuschen, Saan Phra Phuum, das in einer Ecke des Grundstückes steht. Auf dem Dorf sehen sie oft aus wie Vogelhäuschen, doch kein Vogel würde es wagen, sich dort niederzulassen. Der Erdgeist, der den Besitzer des Grundstücks vor Unheil bewahrt, würde dies nicht zulassen.

Früher besaß nahezu jedes Haus in Thailand ein eigenes Geisthaus, ob die ärmliche Hütte eines Reisbauern oder ein First- Class- Hotel in Bangkok. Der Hausgeist selbst revanchiert sich für diese Gastfreundschaft, indem er die Besitzer des Gebäudes vor Feinden aller Art schützt. Heute ist es besonders in den Städten schwierig, dieses Geisthäuschen adäquat unterzubringen, und so verliert das Häuschen selbst mehr und mehr an Bedeutung.
Die Errichtung eines Geisthauses, meist im Zusammenhang mit der Einweihung des Hauses, erfordert ein besonderes brahmanisches Zeremoniell, in dessen Verlauf der »phra phuum« gebeten wird, dort sein neues Domizil zu beziehen. Das Häuschen kann, wenn es erforderlich ist, auch am oder gar im Wasser stehen, wenn z.B. das Wohnhaus an einem See oder Fluss liegt. In der Vergangenheit war die Durchführung dieser Feier den Brahmanen vorbehalten, erblichen Mitgliedern einer in Indien beheimateten Kaste. Aber inzwischen gibt es im ganzen Land kaum mehr als ein Dutzend jener königichen Brahmanen. Heute kann jeder, der den korrekten Ablauf der heiligen Handlung von einem Brahmanen gelernt hat und die notwendigen, in Pali gesprochenen Beschwörungsformeln kennt, die Zeremonie
durchführen.

Sowohl der Platz für das Geisthaus als auch der Zeitpunkt seiner Errichtung müssen sehr sorgfältig ausgewählt werden, um günstige Vorzeichen sicherzustellen. Die bevorzugten Orte liegen östlich, nordöstlich oder südöstlich vom Haupthaus, dessen Schatten niemals auf das Geisthaus fallen darf. Den günstigsten Zeitpunkt bestimmt man mit Hilfe der Astrologen. Auf jeden Fall muß die Zeremonie vor elf Uhr vormittags beendet sein, um dem »phra phum« zu ermöglichen, seine Mahlzeit noch vor Mittag zu beenden.
Während der Zeremonie werden besondere Opfer dargebracht: der Kopf eines Schweines, Reis mit hartgekochten Eiern, in Bananenblätter eingewickelt, Kokosnüsse, Bananen, Tee und verschiedene Arten von gesüßtem Fleisch.

Vor allem in Bangkok gibt es Geisterhäuser unterschiedlichsten Typs. Jenes einer großen Bank oder eines Supermarktes mag eine kleine, reich verzierte, getreue Nachbildung eines Tempels darstellen mit vergoldeten Spitzen, geschwungenen Dachgiebeln und glänzend weißen Kolonnaden. Andere Geisterhauschen sind hübsche kleine Modelle alter Landtempel. Die armen Bauern auf dem Lande begnügen sich zumeist mit einfachen Holzhauschen.

Meist ruht es auf einer Säule aus Holz oder Beton, die Höhe seiner Plattform sollte leicht über der Augenhöhe liegen. Das ist Ausdruck des Respektes. Auch Menschen gegenüber wird so Respekt erwiesen. Das Innere des Häuschens schmückt ein Bildnis des »phra phum«, gekleidet in einer gelben Robe, mit einem Dolch in der einen und einem Buch in der anderen Hand. Heute bevorzugt man zuweilen »phra phum« - Bildnisse. die einen Geldsack in Händen halten, um dem Hausbesitzer und seiner Familie Wohlstand und Reichtum zu sichern. Auch Modellautos oder andere Gegenstände, die sich der Opfernde zu besitzen wünscht, kann man als Opfergaben sehen.

Neben privaten Geisterhausern gibt es auch solche, die auf öffentlichen Plätzen viele Menschen anziehen. Sehr berühmt ist in Bangkok der Altar des »phra phum«, des Gottes Brahma, der sich auf dem Gelände des Erawan Hotels befindet. Hier, am Tage wie auch nach Einbruch der Dunkelheit, bezeugt ein ständiger Strom von Besuchern dem Gott seine Verehrung und bittet um die Erfüllung seiner Wünsche. Auch an unfallträchtigen Straßen oder Orten vergangener Verbrechen werden Geisthäuschen errichtet. Das geschieht oft durch Personen, die ein Gelübde abgelegt haben.
An der Strasse von Lampang nach Chiang Mai kann man am Scheitelpunkt einer Bergstrasse eine Ansammlung solcher Häuschen sehen, die von den vorbeifahrenden Autofahrern mit anhaltendem Hupen gegrüßt werden, und man fühlt sich fast wie in einer „Geisterstadt“.
Und dieses Haus für einen Geist würde manchem jungen Paar als Wohnung ausreichen.