Geister

Geister und Gegengeister

Als die Thai im 12. Jh. im heutigen Zentralthailand mit den stark hinduisierten Khmer, also den Kambodschanern, in Kontakt kamen und sich in diesem Gebiet zur beherrschenden Macht emporschwangen, übemahmen sie viel von deren Kultur. In den folgenden Jahrhunderten vermischten sich Thai und Khmer in bemerkenswert hohem Grad sowohl rassisch als auch kulturell. Während dieser Zeit wurden die Thai allmählich als Siamesen bekannt, und, wie seine Träger, so mußte sich auch das alte Thai- Wort Phie einem Bedeutungswandel unterziehen.
In der berühmten Steininschrift des großen siamesischen Königs Ramkhamhaeng aus dem Jahre 1283 n. Chr. wird der Khmer- König jener Zeit angesprochen als Phie fa, wörtlich der "himmlische Phie". Phie Fa bezeichnete tatsächlich einen Gottkönig, dessen Kult die späteren thailändischen Könige übernommen haben. Aber anstatt einen Gottkönig weiterhin als Phie fa anzusprechen, verwendet man heute den Ausdruck Thep oder Thevada vom Sanskrit Deva und Devata in der Bedeutung "Gott", wörtlich "der Leuchtende". Als Folge davon wurden auch alle guten Phie der Thai in der Umgangssprache zu Thevada, Gottheiten.

Die einstige Gattungsbezeichnung Phie degenerierte dadurch zu der eingeschränkten Bedeutung "böse Phie". Heute versteht man darunter Dämon, Teufel oder böser Geist. Und doch ist die alte Bedeutung von Phie nicht völlig tot, sondern scheint noch in manchen sprachlichen Wendungen auf. So heisst eine Warnung zum Beispiel vor einer heimlichen schlechten Tat: "Die Menschen decken das Verbrechen vielleicht nie auf, aber der Phie weiß alles!" Um die Quelle einer Formel, besonders eines wirksamen Medikamentes, nicht preisgeben zu müssen, erklärt der Besitzer, das Rezept sei Phie bok, "von einem Phie mitgeteilt", und verleiht ihr damit gleichzeitig eine heilige, mystische Wirkkraft. In diesen Fällen handelt es sich um einen guten Phie, einen Thevada.

Wie bei den Menschen ist auch bei den Phie die Unterscheidung zwischen Göttern und Teufeln undeutlich und vielfach abgestuft. Es gibt schlechte Götter und gute Teufel. Tatsächlich finden sich beinahe so viele Arten von guten und bösen Phie wie Arten von Menschen. Daraus geht hervor, daß unter diesen Phie eine Gattung hervorgetreten ist, die genau im Grenzbereich zwischen Göttern und Teufeln angesiedelt ist. Diese übematürlichen Wesen, halb Phie und halb Thevada, werden Chao Phie genannt, Fürst oder Prinz Phie, manchmal aber auch Thevada.
In alten thailändischen Gesetzeswerken (!!!) werden vier Arten von Phie erwähnt: Chamop, Chagla, Grasü und Grahang. Doch über die Natur dieser Phie ist nichts ausgesagt; sie waren in jener Zeit wohlbekannt. Das Gesetz bezieht sich nur auf die Prozeduren, die bei solchen Phie angewendet werden. Es heißt darin, wenn in irgendeiner Provinz eine Person als einer dieser Phie entlarvt werde, dürfe man diese nicht töten, sondern müsse Bericht erstatten und sie in die Hauptstadt transportieren. Eine Person, die behauptete, jemand sei einer dieser vier Phie, oder die einen anderen beleidigte, indem sie ihn anklagte, ein Phie zu sein, war des Meineids schuldig und wurde bestraft, sollte sich die Behauptung als unwahr herausstellen. War jemand erkrankt, weil ein Grasü "ihn auffraß", oder besessen von einem Phie Grasü, rief man einen Phie- Doktor, um die Person, die der Phie Grasü war, zu entdecken. Jener vollbrachte dies, indem er das Tuch im Kessel kochte. Jeder, der versuchte, es aus dem Kessel zu nehmen oder das Feuer zu löschen, war schuldig, ein Phie Grasü zu sein. Von den vier Phie, die in den alten Gesetzwerken angeführt werden, habe ich den Phie Grasü und den Phie Grahang  beschrieben. Die übrigen beiden,'Phie Chamop und Phie Chagla kennt die heutige Generation nicht mehr. Jedes Wissen über sie muß schon vor langer Zeit verschwunden sein.

Gegen- Geister

Zum Glück gibt es keine Geister ohne »Gegengeister«. Die Schwierigkeit liegt allerdings darin, sie ausfindig zu machen. Zunächst einmal muss die Ursache des Übels identifiziert werden, derentwegen man beim Spiel so hoch verlor oder die dem jungen Mädchen nebenan half, dem eigenen natürlichen Charme so lange zu widerstehen. Zur gründlichen Diagnose des Problems und als Hilfe bei der Suche nach einem starken Verbündeten in der Geisterwelt benötiget man den Beistand eines Mo Phi (Geisterdoktors) oder Khon Song (Trancemediums).
Zaubermittel
Geisterdoktoren, Trancemedien und einige Mönche versorgen die Menschen (gegen eine kleine Aufmerksamkeit) mit einem geeigneten Amulett zum Schutz gSpirit09egen Gefahr und Unglück und als Garantie für Liebe, Glück und Macht. Es gibt drei Arten solcher Zaubermittel:Phra Khröng,Khröng- rang und Khröng- rang pluk- sek.
Phra Khrong sind Anhänger mit dem Ebenbild Buddhas (oder berühmter Mönche). Sie werden um den Hals getragen, je mehr davon, um so besser.

Khröng rang erfüllen eine spezifischere Aufgabe. Sie schützen oder helfen innerhalb eines klar abgegrenzten Einflußbereiches. Die gebräuchlichsten bestehen aus Tigerzähnen, Bruchstücken von Büffelhörnern, Elefantenstoßzähnen oder Eberhauern und Katzenaugen als Imitation von Diamanten. Man hängt sie entweder auch um den Hals oder trägt sie als Armband. Es gibt allerdings auch Zaubermittel mit eindeutig erkennbarem Aufgabenbereich, wie etwa ein geschnitzter Phallus, die an anderen Stellen getragen werden.

Khröng- rang pluk- sek sind geheime Zaubersprüche. Man hat sie üblicherweise im Gedächtnis, sie können aber auch auf ein Anhängsel geschrieben am Körper getragen werden. Bei der Niederschrift werden alte kambodschanische (Khmer) Buchstaben verwendet. Die im Gedächtnis bewahrten Zaubersprüche sind meist sehr zielgerichtet, jeweils ein Spruch als Schutz vor Unfall, räuberischem Unfall, Fürsprache für ein Anliegen usw. Der Trick dabei liegt darin, die jeweils angebrachte Formel im Geiste ständig zu wiederholen, um so die gefährliche Macht zu betäuben und selbst ruhiges Blut zu bewahren. Bei einem Überfall jedoch sollte der Zauberspruch aus voller Lunge gebrüllt werden, um die Banditen möglichst zu Tode erstarren zu lassen, obwohl es in diesem Falle vielleicht ratsamer wäre, die Hasenfuß- thode anzuwenden.

Ob derartige Maßnahmen tatsächlich wirken und es die Geisterwelt wirklich gibt, das ist für den Glauben daran selbstverständlich völlig ohne Bedeutung. Der Glaube an eine von Geistern beseelte Welt und der Glaube daran, daß geeignete Amulette, Zaubersprüche und Bestechungsmittel helfen, sich die Macht der Geisterwelt in der Bewältigung des täglichen Lebens zunutze zu machen, dies ist ein wichtiger Bestandteil der psychischen Welt der Thais und spiegelt sich unmittelbar im täglichen Verhalten.