Hausgeist

Der Hausgeist – Phie Ruan oder Phie Baan

In thailändischen Haushalten leben oft unsichtbare Familienmitglieder – die Phie Ruan. Ihnen ist ein Sonderplatz gewidmet, gewöhnlich ein hochgesetztes Board an einer Innenwand. Da man diesen Hausgeist für verstorbene Verwandte hält nimmt man sich ihrer besonders herzlich an. Es werden Blumen und Getränke hingestellt, an denen sich der Phie Ruan laben kann. Meine Frau glaubt, dass er auch gerne mal ein Gläschen Whisky oder Wein zu sich nimmt; aus diesem Grunde stehen abwechselnd hochwertige Spirituosen bereit. Dafür hat der Phie Ruan dann aber auch für das Wohlergehen der Familie zu sorgen und er wird um Hilfe gebeten, wenn es um Krankheiten geht oder um einen erwünschten Lottogewinn. Irgend etwas aber machen wir sicherlich falsch, denn der erhoffte Lottogewinn ist bis heute ausgeblieben. Trotzdem aber wird ihm grosse Aufmerksamkeit zuteil und sein Platz ist unstrittig. Als man früher noch richtige Schwellen an der Haustür hatte war dort der Platz des Hausgeistes. Es war daher undenkbar, diese Türschwellen zu betreten, man machte einen grossen Schritt darüber.

Der Phie Ruan oder Hausgeist stirbt allmählich aus, vor allem unter den Stadtbewohnem. Keine Spur davon findet man heute mehr in ihren Häusern, außer vielleicht eine vage Vorstellung, daß sich irgendwo im Haus der Phie Ruan aufhält. Wollen sie ihren Ahnengeist bitten, ihnen in Schwierigkeiten beizustehen, zünden sie ein oder zwei Räucherstäbchen an und stecken sie an irgendeinen ihnen genehmen Platz, wo sie dann ihre Verehrung durchführen und die Bitte vorbringen. Für die junge Generation ist der Phie Ruan nur noch dem Namen nach ein Begriff. Diese Veränderung ist erstens dem Buddhismus zu verdanken und zweitens dem Vordringen einer neuen Kultur. Nichtsdestoweniger ist der alte animistische Glaube immer noch vorhanden. Er wandelt sich, paßt sich an den Zeitgeist an und wird so in gewisser Weise überleben.

Mich berührt immer wieder, wie einfach es sein kann, verSpirit11schiedene Kulturen neben- und miteinander existieren zu lassen, so wie hier auf dem Bild zu Weihnachten der Weihnachts- baum und da- hinter an der Wand der Altar für unseren Phie Ruan. Ich habe übrigens als bekennender Buddhist keine Probleme damit, in einer christlichen Kirche Einkehr zu halten und mich von Stimmung und Bestimmung des Gotteshauses einfangen zu lassen. Und ich könnte mir auch in einem Wat in Thailand innere Einkehr mit Orgelspielbegleitung vorstellen. Ich denke, es kommt ganz besonders für den Gläubigen gleich welcher Richtung nicht darauf an, Unterschiede zwischen den Religionen zu suchen, sondern Gemeinsamkeiten zu finden. Gebet und Meditation sollten dazu führen, innere Ruhe zu erlangen, und mehr innere Ruhe und Ausgeglichenheit - das täte sicherlich allen in der heutigen Zeit gut.