Khwan

Khwan, der persönliche Geist

Ein thailändischer Volksglaube besagt, daß jeder von uns in seinem Körper einen zu ihm persönlich gehörenden Geist oder Genius besitzt, genannt Khwan. Erschrickt jemand oder wird plötzlich und unerwartet krank, so bedeutet dies, daß der Khwan geflohen ist und den Körper verlassen hat. Manchmal wandert er herum, verirrt sich im Wald und findet nicht mehr den Weg zurück. Dann wird derjenige, dessen Khwan abwesend ist, nicht von der Krankheit genesen, und falls der Khwan nicht rechtzeitig zurückkehrt, stirbt diese Person. Um dem entgegenzuwirken, um den Khwan zurückzurufen, wird eine Zeremonie mit einer Beschwörung und einem Speisenopfer für den pflichtvergessenen Khwan durchgeführt. Kommt er zurück, erlangt die Person ihre Gesundheit wieder.
Allgemein ist unter den Thai der Glaube verbreitet, daß außer den Menschen auch gewisse Tiere, wie Elefanten, Pferde, Büffel und Rinder, und selbst bestimmte unbelebte Gegenstände, z. B. Fahrzeuge, Reis usw., einen Khwan in sich tragen. Für das Wohlergehen dieser erwähnten Tiere oder Dinge, und dabei gleichzeitig für das Wohlergehen ihres Besitzers, wird zu besonderen Gelegenheiten ein bestimmter Ritus durchgeführt, den man in Thai Tam Khwan nennt, wörtlich "das Machen des Khwan". Auch der Khwan eines Menschen hat sein Tam Khwan- Ritual, eine Art heiliger Kräftigungsfeier.

Das Wort für "Seele" lautet im Thai heute Vinyan, ein Pali- Ausdruck, der ursprünglich Bewußtsein bedeutete. Vinyan trat an die Stelle des Wortes Khwan; dieser Ausdruck hat daher seinen ursprünglichen Sinn "Seele". Heute hat Khwan die vage Bedeutung von etwas Geheimnisvollem, das sich innerhalb einer Person befindet und ihr Gesundheit, Erfolg, Reichtum und Glück verleiht, solange es sich bei seinem Besitzer aufhält. Die meisten Zeremonien des Tam Khwan in der Form, wie sie heute durchgeführt werden, beziehen sich auf letztere Bedeutung.

Im alltäglichen Sprachgebrauch spielt das Wort Khwan zahlreiche weitere wichtige Rollen. Zum Beispiel:
Um eine Verletzung, die einer Person, einem Tier oder einer Sache zugefügt wurde, zu entschuldigen, sagen wir Tam Khwan, also die gleichen Worte, die bereits erwähnt wurden. Zweifellos bedeutete dies früher, daß die Verletzung gleich zu setzen war mit der Verletzung seines Khwan. Dadurch ist eine Tam Khwan- Zeremonie erforderlich geworden. Erfolgt die Entschädigung in Geld, so sagen wir Hai ngöen kha tam khwan, "den Preis der Khwan- Zeremonie bezahlen".

Von einer ängstlichen und leicht zu erschreckenden Person sagen wir Khwan on; wörtlich bezeichnet dies einen jungen oder zarten und schwächlichen Khwan. Gewöhnlich benutzt man diesen Ausdruck als Kosewort für ein Kind oder als Kompliment oder ähnliches für ein Mädchen.

Ein Geschenk oder eine Gabe heißt Khong Khwan, Gegenstand für den Khwan.
Empfinden wir große Furcht, rufen wir Khwan hai oder Khwan ni oder Khwan bihn, “der Khwan ist verloren” “der Khwan flieht” oder "der Khwan fliegt weg". Verspüren wir dagegen gute Laune, nennen wir dies “Khwan di, "guter Khwan". Es fällt auf, daß der Khwan Flügel haben muß, wenn er wegfliegen kann. Wenn ich dies mit dem Glauben der Völker Europas, demzufolge die Seele eines Verstorbenen zu einem Schmetterling oder einem Falter wird, und auch mit dem Glauben der Birmanen und der Karen an einen Schmetterlingsgeist vergleiche, komme ich zu der Ansicht, daß der Khwan der Thai den gleichen Charakter aufweisen muß, obwohl jedoch nichts Genaues darüber ausgesagt wird.

Alles, was hübsch aussieht oder die Augen erfreut, wird Khwan Da genannt, Khwan der Augen. Es gibt ebenfalls einen Khwan des Mundes, der Ohren und der Hände. Insgesamt befinden sich der Tradition nach 32 Khwan in einer Person. Diese 32 Khwan können jedoch nicht alle identifiziert werden. 32 ist nämlich gemäß der buddhistischen Auffassung die Anzahl der Teile, aus denen der menschliche Körper besteht.

Viele von Ihnen werden wissen, daß der Kopf eines Thai tabu ist. Vermutlich liegt der Grund darin, daß dies der Aufenthaltsort des Khwan ist. Der Khwan ist sehr empfindlich, wenn sein Wohnsitz im Kopf entweder tatsächlich oder auch nur imaginär ohne Genehmigung berührt wird; dies bedeutet eine Beleidigung. Ich habe einmal unbeabsichtigt im Schwimmbad einen Schritt über den Oberkörper

meiner Frau getan, und sie war darüber auch mit mir ausserordentlich böse, und es hat eines grossen Geschenkes bedurft, um sie wieder zu versöhnen.

Die Chinesen glauben, daß die Seele während des Schlafs aus einer angenommenen Öffnung im Scheitelpunkt des Kopfes tritt. Je öfter sie aus und ein geht und dabei auf den Schädel tritt, desto lichter wird das Haar um den Scheitel, und schließlich entsteht ein kahler Fleck in der Mitte des Schädels; zu beiden Seiten wird das Haar jedoch besonders dicht wachsen, da es dort ungestört bleibt. Eine eingehende Erklärung, sogar mit einem Schuß Wissenschaft, denn der Schädel ist an den Seiten dicker, und die Haarwurzeln sitzen daher tiefer. Ich denke aber eher, dass die Chinesen einfach eine Entschuldigung für angehende oder vollkommene Glatzen gesucht haben

Stößt ein Baby im Schlaf oder aus Angst einen schrillen Schrei aus oder weint ungewöhnlich lange und ohne Unterbrechung, dann beruhigt es die Mutter, indem sie ihm sanft mit der Hand die Brust tätscheit und liebevolle Worte flüstert wie: "Oh, lieber Khwan, bitte bleibe im Körper". Dies ist Ausdruck des alten Glaubens, daß der Khwan dabei ist, den Körper zu verlassen, und daß er durch solche Besänftigung zurückgehalten wird, das Kind wieder zu sich kommt und aufhört zu schreien. Eine derartige Handlung nennt man Rap Khwan, "den Khwan empfangen".

Wenn ein Kind immer wieder krank wird oder, um einen Thai- Ausdruck zu verwenden, Sam wan di si wan khai, "drei Tage gut, vier Tage krank" ist oder ständig kränkelt, die Mutter aber gezwungen ist, ihren Liebling allein zu lassen und die Nacht außer Haus zu verbringen, dann bindet sie ebenfalls je einen Faden fest um beide Handgelenke. Diese Handlung nennen wir Phuk Khwan, "den Khwan binden". Die Bedeutung liegt auf der Hand: An jedem Handgelenk ist im Pulsschlag das Leben zu spüren. Bindet man einen Faden herum, wird der wankelmütige Khwan seine Pflicht nicht vergessen. Ein Sprichwort erklärt, Phuk mü sai hai khwan ma; phuk mü khwa hai khwan yu, "das Binden der linken Hand veranlaßt den Khwan, zurückzukommen; das Binden der rechten Hand veranlaßt den Khwan, zu bleiben". Heutzutage wird dieser Brauch nur noch selten ausgeübt, es sei denn von einfachen Leuten.
Zu jedem wichtigen Lebensabschnitt, wie zur Geburt, zur Pubertät (d. h. zur Tonsur- Zeremonie), zum Eintritt ins Mannesalter (wenn ein junger Mann Mönch wird) und zur Heirat oder bei besonderen Anlässen, etwa bei der Rückkehr von einer gefahrvollen Reise, bei der Heimkehr von einem langen Aufenthalt in einem fremden Land oder als Auszeichnung eines verehrten Gastes wird gewöhnlich eine Tam Khwan- Zeremonie, das "Machen des Khwan", feierlich vollzogen. Die Dorfbewohner in Nordthailand veranstalten eine eigene Art des Tam Khwan, bei der ein geehrter Gast mit einem förmlichen Tanz begrüßt wird.

Das zeremonielle Tam Khwan unterscheidet sich vom gewöhnlichen, einem rein familiären Ritus. Ersteres zeigt eher die Charakterzüge eines Festes. Hauptaugenmerk dabei ist das Bai sri yai, wörtlich "Großer, glückbringender, gekochter Reis". Es handelt sich um eine konische, fünf- stöckige Konstruktion aus ebenso vielen übereinandergeschichteten Bananenblättern und Ornamenten. Diese Schichten tragen eine Speisengabe zur Versöhnung des Khwan. Zusätzlich finden sich bei einer königlichen Zeremonie zu besonderen Anlässen ein Kristall- , ein Gold-  und ein Silber- Bai Sri, die aus übereinander angeordneten Platten aus dem jeweiligen Material bestehen. Das Bai Sri wird in der Mitte des Raumes nahe der Person aufgestellt, die den Khwan empfangen soll.

Möglicherweise gibt es Musik, und Verwandte und Freunde hocken im Kreis um die Person herum. Der Mann, der die Zeremonie leitet, rezitiert mit gedämpfter Stimme eine Art Prosagedicht, in dem er den Khwan des betreffenden Menschen anruft und ermahnt. Diese Rezitation heißt Chöen Khwan, "Einladung des Khwan"; sie besteht aus sanften Worten und gefühlvollen Ausdrücken. Am Ende der Rezitation beginnt man brennende Kerzen zu schwenken. Zweifellos ist dies ein Akt der Reinigung und Anbetung hinduistischen Ursprungs, der in Indien allgemein als Arati bekannt ist. Nach dem Schwenken der Kerzen findet gewöhnlich ein Festmahl für die Gäste statt, das die Zeremonie beendet.