Kunst

Chronologie der Kunststile in Siam

von Dr. A.B. Griswold

Siam oder Thailand, wie es heute genannt wird, hat eine lange und verwickelte Geschichte. Die Rolle der Herrscher wurde zu verschiedenen Zeiten von drei verschiedenen Völkerstämmen gespielt: den Mon, den Khmern und den Thais. Jeder dieser Völkerstämme hatte seinen eigenen charakteristischen Kunststil, wobei natürlicherweise die späteren den früheren eine gewisse Anzahl von Zügen entliehen. Die Namen, die man schon gewöhnlich aufeinanderfolgenden Stilen gab, entstanden vor vielen Jahren. Einige von ihnen entsprechen genau bestimmten Regionen und Perioden, während andere Verwirrung stiften können, es sei denn, man versteht den historischen Hintergrund für ihre Wahl. Wir geben daher einen kurzen Überblick über die historischen Fakten, die zur Entstehung der verschwenden SJile beigetragen haben. Ein paar kurze Überlegungen werden zeigen, wie eine bestehende Kunstrichtung auch noch lange nach Untergang des Königreiches, aus dem sie hervorgegangen ist, wirksam bleiben kann.

Ungefähr vom 7. bis zum Ende des 10. Jahrhunderts war Zentral Siam der Sitz des Dvaravati- Königreiches. Die herrschende Klasse waren die Mons. Die Thais, soweit bekannt ist, kamen erst später. Die Mons der Dvaravati-Periode waren meist Buddhisten der Theravada-Schule. Die Lage ihrer Hauptstadt ist unbekannt.

Die Kunst von Dvaravati (7.-12. Jahrhundert) ist deutlich verwandt mit verschiedenen indischen Stilen, am stärksten dem Post-Gupta. Beispiele für Dvaravati-Kunst wurden hauptsächlich in den Provinzen Nakon Pathom, Rajaburi, Supanburi, Ayutthaya, Lopburi und Prachinburi gefunden, in geringeren Masse auch an vielen anderen Stellen. Offensichtlich breitete sich der Stil weit über die Grenzen des Königreiches hinaus aus. Da gab es eine Nebenschule in Lampun in Nordsiam (8. bis spätes 13. Jahrhundert) und verschiedene andere, die uns hier nicht zu interessieren brauchen.

Die Kunst von Srivijaya (8.-13. Jahrhundert und später) ist benannt nach einem Königreich auf Sumatra und der malayischen Haldinsel, dessen Hauptreligion der Mahayana-Buddhismus war. Der Name wird im weitesten Sinne für Kunstwerke mehrerer verschiedenartiger Stile gebraucht, die auf der malayischen Halbinsel und darüber hinaus auch an anderen Stellen Siams gefunden wurden.

Kurz nach 1000 n. Chr. eroberten die Khmer, die bereits Stützpunkte im Nordosten Siams errichtet hatten, große Teile Zentralsiams. Mit Unterbrechungen beherrschten sie es für mehr als 250 Jahre, Sie bauten zahlreiche Tempel und prägten es durch ihre besondere kulturelle Eigenart. Ihre herrschenden Religionen, Hinduismus und Mahayana-Buddhismus erlangten einen gewissen Grad an Beliebheit in den Khmer-besetzten Gebieten Nordsiams ohne jedoch das Theravada zu ersetzen. Die Khmer regierten diese Provinzen durch Vasallenprinzen. Einige davon waren Mon, während andere, besonders im Gebiet Sukhothai, Thais waren. Im 12. Jahrhundert und frühen 13. Jahrhundert war die Stadt Lopburi Sitz eines Khmer Vizekönigs. Von Mitte des 13. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts war sie die Hauptstadt eines unabhängigen, aber Khmer-beeinflussten Königreiches.

Der Ausdruck Kunst von Lopburi (11*-15. Jahrhundert) wird gebraucht für die stark Khmer-beeinfussten Provinzen, die unter politischer Khmer-Kontrolle standen und den gleichen Stil auch fortsetzten, nachdem die Khmer sich bereits zurückgezogen hatten.

In der Zwischenzeit wanderten immer mehr Thais in Siam ein. Neuesten Forschungen zufolge hatten sie in Südchina entlang der Küste und besonders in den Provinzen Kwangtung und Kwangsi gesiedelt, lange vor den Chinesen selbst. Bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. breiteten sie sich westlich nach Tongking aus. Später, vielleicht um der chinesischen Oberherrschaft nach den Siegen der Han-Dynastie zu entgehen, zogen einige weiter westwärts nach Laos. Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert kamen einige Thais von Laos nach Nord- und Zentralsiam.

Sie wurden bald zum Theravada-Buddhismus bekehrt, wahrscheinlich durch die Mon. Später standen sie in enger Verbindung mit Ceylon, das zu einem Zentrum der Thevarada-Lehre wurde nachdem der Buddhismus in Indien zerfiel. Die Kunst aller Thai-Schulen in Siam ist stark geprägt durch die Ideale des Theravada-Buddhismus.

Das erste Thai-Königreich, über das wir grundlegende Informationen haben, ist Sukhothai. Es lag in dem Gebiet, das im 12. und früheren 13. Jahrhundert unter Khmer-Herrschaft stand. Seine Unabhängigkeit unter einer Thai-Dynastie erwarb es in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der genaue Zeitpunkt ist unbekannt. Im Jahre 1300 beherrschte es ganz Siam bis auf das Königreich Lan Na Thai im Norden, und das Königreich Lopburi. Später schwand seine Stärke und 1378 wurde der König Sukhothais gezwungen Vasall Ayutthayas zu werden. Zwar blieben er und seine Nachfolger eigentlich unabhängig bis etwa 1410 als die Fesseln des Vasallentums verstärkt wurden, aber 1438 wurde das

Königreich Sukhothai schließlich abgeschafft und sein Gebiet dem Königreich Ayutthaya angegliedert.

Die Kunst von Sukhothai (13.- 17. Jahrhundert) ging in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch ihre vorklassische Phase. Der Übergang zu Klassik liegt in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der Höhepunkt der Klassik hauptsächlich in der zweiten Halte des 14. Jahrhunderts und die Spätklassik im 15.-17. Jahrhundert. Zwischen 1340 und 1430 erreichte sie eine Vollkommenheit wie sie später nie wieder von Thaikunst erreicht wurde. Im letzten Teil dieser Periode übte sie einen starken Einfluss auf die Künste Ayutthyas und Lan Na Thais aus. Die Schule Sukhothais, obwohl sie allmählich ihre Eigenart verlor, blieb noch lange Zeit vorherrschend. Einige ihrer Werke aus dem 17. Jahrhundert stehen denen des 15. Jahrhunderts in nichts nach.

Um 1350 wurde das Königreich Ayutthaya von einem Thai, Prinz U-Tong (Ramadhipati l), gegründet. Er vereinigte zwei große reiche Erbteile. Eines davon, das ihm von seinem Vater vermacht worden war, war das Fürstentum Ayudhaya Sri Debanagara und umfasste die Provinzen Ayutthaya und Lopburi und das Gebiet östlich und südlich davon. Das andere vermachte ihm sein Schwiegervater. Es bestand aus der Provinz Supanburi und denen im Süden, einschließlich der größten Teiles der malayischen Halbinsel. Ramadhipati errichtete seine Hauptstadt in Ayutthaya. Das Königreich breitete sich allmählich, bis auf den Norden, über ganz Siam aus. Es wurde die wichtigste Macht in Südostasien.

Der U-Tong-Stil ist ein Ausdruck, der gebraucht wird um die Kunst aus Prinz U-Tongs Reich zu beschreiben, bevor und nachdem er das Königreich Ayutthaya errichtet hatte. Er ist nach dem Prinzen und nicht nach der Stadt U-Tong, die vom 11.-17. Jahrhundert verlassen war und dementsprechend keine U-Tong-Kunst hervorbringen konnte benannt. Der U-Tong-Stil kann in drei Phasen eingeteilt werden, die sich teilweise überschneiden. Phase A, in der das Charakteristische der Dvaravati Periode noch erkennbar ist, kann ungefähr von 1200 bis 1350 datiert werden. Phase B, die mehr unter Khmer Einfluss steht, gehört hauptsächlich in das 14. Jahrhundert und ist wahrscheinlich der erste Stil der mit „Früh-Ayutthaya" in Verbindung gebracht werden kann. In der späteren Hälfte des 15. Jahrhunderts tritt stärker der Einfluss Sukhothais hervor. Man hat eine größere Anzahl von Beispielen, die von Bildhauern der Sukhothai Tradition stammen.

Obgleich die meisten Arbeiten des U-Tong-Stiles in der Ayutthaya Periode hergestellt wurden, ist es üblich, den Ausdruck „Stil von Ayutthaya" der Kunst vorzubehalten, in die sich um 1450 der U-Tong-Stil allmählich entwickelte. Dieser wird zu Recht als „Nationalstil" bezeichnet, da er sich über das ganze Königreich Ayutthaya ausbreitete. Der U-Tong-Stil entfaltete, sich bis zur Eroberung Ayutthayas 1767 durch die Burmesen. Bei der Eroberung brannte die Hauptstadt nieder.

Die Burmesen zogen sich bald zurück und die Ordnung wurde wieder hergestellt. Die alte Hauptstadt aber wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen wurde eine neue in Thonburi errichtet, gegenüber von Bangkok, auf der rechten Seite des Flusses Chao Phraya. 1782, bei der Thronbesteigung Rama des Ersten wurde die Hauptstadt zu ihrem gegenwärtigen Platz, auf der linken Uferseite, verlegt.

Die Kunst der Thonburi und Bangkok Periode (Thonburi 1767-1782 und Bangkok 1782 bis zur Gegenwart)-ist die indirekte Fortsetzung des Ayutthaya-Stiles. Ihre bildhauerischen Arbeiten sind kein Vergleich zu denen früherer Perioden. Aber im späten 18. und 19. Jahrhundert kamen Architektur, Malerei und die kleineren Künste zu einer hohen Blüte.

Die Geschehnisse in Nordthailand nahmen einen anderen Verlauf, 1292 eroberte König Mang Rai, ein Thai, der bereits Herrscher über verschiedene Fürstentümer im äußersten Norden war, Lampun von den Mon Königen. Vier Jahre später baute er Chiangmai, das er zur Hauptstadt seines Königreiches Lan Na Thai machte, mehr als 250 Jahre herrschten er und seine Nachfolger über Lan Na Thai, das Nordsiam und zeitweise Teile der Shanstaaten in Burma und China umfasste. In der Mitte des 16. Jahrhunderts eroberten die Burmesen Lan Na Thai und behielten große Teile davon bis spät in das 18. Jahrhundert hinein. Danach kam es unter die Schutzherrschaft Bangkoks.

Die Kunst Nordthailands (spätes 13. Jahrhundert oder früher bis zur Gegenwart), volkstümlich „Chiang Säen", korrekter aber Lan Na Thai genannt, vereinigt in sich das Erbe Lampun mit dem Sukhothais. Ihren größten Triumph erreichte sie in der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Stil zentrierte sich um Chiangmai und Lampun. Es gab Nebenschulen in Chiang Säen, Payao und zahlreichen anderen Städten.