Wai

Der Wai - ein Gruß wie aus dem Bilderbuch

Die körperliche Berührung ist für die Thais ungewöhnlich, also auch das Händeschütteln. Es ist aber durchaus üblich, daß befreundete Männer mit Männern oder Frauen mit Frauen, nicht aber Männer mit Frauen, Hand in Hand gehen. Naja, heute sieht man auch in Thailand junge Liebespaare Hand in Hand spazierengehen und im privaten Bereich sieht man sowieso diskret weg, doch noch nicht auf den Dörfern oder bei offiziellen Anlässen.

Die für Thailand typische Form der Begrüßung ist der "Wai". Für mich ist es der ausdrucksvollste und innigste Gruß zugleich. Er bedeutet mehr als nur “Guten Tag". Der Wai, ausgeführt mit wie beim Beten zusammengelegten Handflächen, ist Ausdruck der Achtung vor dem anderen, auch der Zuneigung, Ausdruck des Respekts, und er geht einher mit sozialen Werten und Einstellungen der Thais.
An der Ausführung des Wai kann man das Verhältnis zueinander ablesen: je höher die Hände gehalten werden, desto größer ist der soziale oder aber auch der altersmäßige Abstand zum Gegenüber, der den Gruß empfängt. Dabei grüßt der sozial Tieferstehende oder der Jüngere immer zuerst den Höherstehenden oder Älteren. Ist der soziale Unterschied sehr groß, so wird der Wai höchstens mit einem Kopfnicken oder Lächeln erwidert: der Wai eines Kindes oder der einer Serviererin im Lokal werden nicht mit einem Wai beantwortet. Auch in der Familie wird der Wai angewandt. Gegenüber Mönchen und Würdenträgern sowie gegenüber den Eltern, älteren Verwandten und Geschwistern werden die Hände zum geneigten Kopf geführt, bei Gleichgestellten enden die Hände ungefähr auf Kinnhöhe. Erwidert man den Gruß einer niedriger eingestuften Person, dann sind sie tiefer, etwa auf Brusthöhe zusammengeführt. Immer ist der Gruß mit einem Lächeln verbunden.


Ich bin ein Farang.
Die Ausführung des Wai durch uns als Farang ist ein klein wenig sensibel. Ich habe für mich persönlich hier ein paar Regeln verinnerlicht, die ich der eigenen Erfahrung entnommen habe, auch den Ratschlägen meiner Familie und halt eben vielen Beobachtungen.

Es kommt für mich entscheidend darauf an, in welcher Rolle ich mich darstelle, mich also meine thailändischen Gegenüber wahrnehmen können. Wenn ich alleine auftrete und mich der/die Gegenüber nicht kennen, werden sie keinesfalls von mir einen Wai erwarten. Man wird mich also nicht direkt mit einem Wai, sondern eher mit einem “Hello” oder “Good afternoon” und Handschlag grüßen. Dann ist meine Erwiderung auch entsprechend.
Bin ich in Begleitung meiner Ehefrau so wird man doch meinen Bezug zu Thailand herstellen können. Trotzdem warte ich ab, ob man mich mit dem Wai bedenkt und erwidere ihn dann auch. Bin ich irgendwo bekannt, so ist man dann nicht überrascht, wenn ich den Wai zuerst entbiete, z.B. beim Betreten eines Hauses gegenüber den Gastgebern gleich welchen Alters, oder ich den Wai erwidere. Treffe ich mit guten Bekannten zusammen erweise ich manchmal auch Jüngeren gegenüber den Wai zuerst, einfach um meine Freude und meine Achtung zum Ausdruck zu bringen. Und wenn ich dabei noch die ein oder andere lustige Bemerkung dazu mache ist Sanuk bereits vorprogrammiert.  Angst, etwas falsch zu machen habe ich dabei nie. Ich lasse mich lieber zu einem Fauxpas hinreißen als unhöflich zu wirken.

Die Formen des Wai
Im Alltag wird diese rituelle Geste hauptsächlich in vier Formen ( ja und ich bitte um Entschuldigung: in zahlreichen Zwischenformen) angewendet:
Die Hände werden eng am Körper gehalten, die Fingerspitzen erreichen Nackenhöhe, jedoch nicht das Kinn. Diese Haltung ist üblich zwischen Gleichrangigen oder zwischen Unbekannten, die einander sozial noch nicht einschätzen können (obgleich solche Einschätzungen meist durch verschiedene Andeutungen oder Hinweise von dritter Seite ermöglicht werden).
Handhaltung wie bei 1., auch niedriger. Kopf erhoben oder etwas geneigt. Anwendung durch einen Höhergestellten, der den Wai eines Untergebenen erwidert.
Der Kopf wird so gesenkt, daß die Fingerspitzen die Nasenspitze überragen. So wird der Höhergestellte gegrüßt.
Berührung zwischen Stim und Ballen der gefalteten Hand und Neigung des Körpers. Dies ist Symbol großer Unterwerfung und Hingabe, vor allem religiöser Verehrung.

Der Wai im täglichen Leben
Der Wai findet sowohl Menschen als auch Gegenstanden gegenüber Anwendung. Und obwohl der Gang der Entwicklung und die neuzeitlichen Lebensbedingungen der vollkommenen Erfüllung traditioneller Ehrerbietung im Wege stehen, so bleibt der Wai dennoch ein sehr bedeutsamer Teil des alltäglichen Lebens in Thailand.
Wer mit dem Bus reist, wird während fliegender Fahrt bemerken, wie die Fahrgäste gelegentlich an geheiligten Orten den Wai entbieten. Und seien Sie keineswegs überrascht, wenn Ihr Taxifahrer, nachdem er soeben an der Erawan- Kreuzung die längste Rotlicht- Überschreitung der Verkehrsgeschichte hinter sich gebracht hat und mit quietschenden Reifen auf zwei Rädern um die Kurve schlittert, sein und Ihr Leben in seine Hande nimmt und diese zu einem Wai erhebt, der dem Schrein an der Ecke gilt.

Das Grüßen von Buddha und Mönchen
Die ideale, eigentliche Grußform gegenüber dem Buddha z.B. vor einer Buddhastatue oder den Mönchen als Buddhas Vertretern ist auf die Knie zu sinken, in dieser Respekthaltung die Hände zum Wai zu erheben (Männer sitzen auf den Fersen, Frauen legen die Beine aneinandergeschmiegt seitlich),
mit gefalteten Händen den Kopf und Oberkörper hüftabwarts zu neigen, wobei das unwerte Hinterteil möglichst tief gehalten werden soll, die Handflächen auf den Boden zu legen, wenn der Kopf den Boden fast berührt und der Scheitel den

Gegenstand des Respekts anzielt (dabei ist weiter zu beachten, daß die rechte Handfläche den Boden zuerst berührt), den Körper wieder zu sitzender Stellung aufrichten. Dieser Vorgang wird dreimal wiederholt

Nun glauben Sie aber bitte nicht, dass von uns als dem Farang dieses erwartet wird, aber Sie können  sicher sein, mehr als freundlich empfangen zu werden, wenn Sie sich dieser kleinen Mühe unterziehen. Nur eines sollten Sie beachten: ziehen Sie es nicht ins Lächerliche, meinen Sie es ehrlich, aus dem Herzen heraus, andernfalls lassen Sie es lieber bleiben.
Es ist ja nicht so, dass Christen solche Verehrungsformen nicht kennen würden, denken Sie an das Beten und Knieen in der Kirche, an das Segnen und Beten durch den Priester.


Die Erwiderung des Wai
Der König Thailands grüßt seine Untertanen nicht mit dem Wai, es sei denn, es seien Mönche. Wenn die soziale Rangstufe zwischen zwei sich Begegnenden sehr unterschiedlich ist, wird der Wai nicht erwidert. Wenn nun also ein sehr kleines Kind einen Erwachsenen mit Wai grüßt, wird der Ältere mit einem Nicken oder Lächeln antworten. Wenn eine Kellnerin mit einem Wai Dank für ein Trinkgeld ausdrückt, wird der Geber nicht mit dem Wai entgegnen. Und folgerichtig: wenn ein junger Angestellter dem Big Boss begegnet, wird er zwar mit dem Wai grüßen, der Chef wohl aber nicht zurück. Und wenn Sie im Klang Plaza eingekauft haben und sich die Kassiererin dafür mit einem Wai bedankt wird sie nicht erwarten, daß Sie nun Ihre Einkaufstüten fallen lassen, um ihren Gruß zu erwidern.


Ursprung des Wai
Die Handhaltung des Wai zeigt, daß man keine Waffen in der Hand hält. So ist der Wai wohl von gleicher geschichtlicher Herkunft wie das europäische Berühren oder Schütteln der Schwerthände  was wir mittlerweile Händeschütteln nennen. Das Handeschütteln erfolgt jedoch symbolisch zwischen Gleichgestellten  der Wai hingegen ist meist Ausdruck von Ungleichheit.
Wenn der Untergegebene dem Höhergestellten den Wai entbietet, begibt er sich in dessen Gnade und Fürsorge. Immer setzt der Niedrigergestellte zum Wai an! Auch in der geschichtlichen Überlieferung zeigt stets zuerst der Schwächere, daß seine Hände keine Waffen tragen. Und denken Sie an die vielen Western und Krimis, in denen stets mit „Hände hoch“ aufgefordert wird, diese weit weg von möglichen Waffen zu bewegen. Weiterhin drücken die gesenkte Kopf-  und Augenhaltung aus, wie verringert die Verteidigungsmoglichkeiten des Grüßenden sind. Es steht dem Höhergestellten frei, ob er den Wai erwidert. Wenn es sich um eine wesentlich höhergestellte Person handelt, wie etwa einen Mönch, so wird diese es sicherlich nicht tun. Wenn Sie nun also in die Gesellschaft des Königs geraten sollten und sich dabei den angemessenen Verhaltensprozeduren unterwerfen erwarten Sie nur nicht, mit einem Wai wiedergegrüßt zu werden.


Wann wird mit dem Wai gegrüßt?
Die Anwendung des Wai wird von frühester Kindheit an in allen möglichen Situationen geübt. Der Thai eignet sie sich naturlich an, während sie dem Besucher zum Problem wird.
Und wenn man dann endlich glaubt, genug über den Wai zu wissen, um ihn anwenden zu können wird man erleben können, dass die Thais Sie mit Handschlag oder nur mit einem „Hallo“ begrüßen.
Und wenn dann doch der Moment gekommen ist, wo Sie mit dem Wai gegrüßt werden, haben Sie wahrscheinlich gerade alle Hände voll Papier oder ein Glas Wasser in der linken und eine Zigarette in der rechten Hand. Lassen Sie sich dann keine grauen Haare wachsen, sondern bringen Sie beide Hände mitsamt allem was darin ist so nahe wie möglich zusammen und lächeln dabei (und achten Sie darauf, nicht das Wasser auszuschütten, das wäre wieder mit viel Sanuk auf Ihre Kosten verbunden).
Vielleicht der passende Ratschlag: Wenn Sie selbst nicht mit dem Wai begrüßt werden, grüßen Sie als Mann Männer mit Handschlag und Frauen mit einem höflichen, angedeuteten Lächeln, und als Frau lassen Sie ihr sowieso bezauberndes Lächeln sehen.


Und wann wird nicht mit dem Wai gegrüßt?
Während Sie nun darauf warten, daß sich diese Regeln in Ihrem Kopf einnisten, hier noch einige Tips, die Peinlichkeiten für alle Seiten vermeiden helfen:
Grüßen Sie mit dem Wai keinesfalls Angestellte, Arbeiter, Kinder oder andere Personen mit offenkundig niedrigerer sozialer Stellung. Mögen Sie dies auch in ehrenwerter westlich- demokratischer Gesinnung dennoch tun, geleitet oder fehlgeleitet von dem Verlangen, Ebenbürtigkeit und Freundlichkeit zu zeigen (und in Widerspruch zur Thai Erkenntnis, daß Ungleichheit nicht Unfreundlichkeit bedeutet), so werden Sie dann den sozial Niedrigergestuften in äußerste Verlegenheit bringen, so daß er möglicherweise jegliche weitere Begegnung mit Ihnen vermeidet. Außerdem machen Sie sich eher lächerlich.

Ich habe bei einer beruflichen Hotelbesichtigung in einem 5-Sterne-Hotel beobachtet, dass die englische Sales Managerin, die mich durch das Hotel führte, alle angestellten Thais, die wir unterwegs trafen, zuerst mit dem Wai grüßte und mir auf meine Frage hin erklärte, das sei eben ihr Stil. Und als ich später eine der Frauen fragte, was sie denn davon hielte antwortete diese: „pujing baba bobo“. Das bedeutet soviel wie: “Sie hat nicht alle Tassen im Schrank”.

Bitte denken Sie daran: Ein Wai ist kein einfacher "Hallo"- Gruß. Seine Bedeutung verlöre durch übermäßige und unbotmäßige Anwendung.

Und meinen Sie es immer ehrlich oder lassen Sie es sein.