Tagesbericht

Die Thailändische Eisenbahn und ihre Geschichte

Ein Ingenieur schrieb den folgenden Tagesbericht:

Ich hatte den Auftrag in Phra Keo geometrische Unterlagen zur Konstruktion einer Brücke über den Phra Keo Klong zu schaffen. Am 23. März traf ich die nötigen Vorbereitungen. Zunächst mußten noch zwei Kulis angeworben werden. Sodann ließ ich eine Anzahl Pfähle herstellen. Nivellierungsinstrument, Kompaß, Winkelprisma wurden revidiert und die Karte genau studiert. Am 24. stand ich um 5 Uhr auf und eine Stunde später marschierte ich mit dem headcooli und sieben Kulis ab. Einen Kuli ließ ich bei dem Dolmetscher zurück. Die Marschordnung war folgende: zuvörderst ritt ich auf meinem Ponny, dann folgten die sieben Leute im Gänsemarsch. Den Zug schloß der headcooli mit der Order, dafür zu sorgen, daß keiner zurückbleibt.

Die Leute waren mit folgenden Gegenständen beladen: zwei Meßlatten, sechs Fluchtstäbe, Nivellierungsinstrument und Stativ, Nivellierungsplatte, drei Dschungelmesser, eine große Axt, ein Stahlmeßband, dreißig Pfähle, Winkelspiegel, Winkelprisma mit Stativ. Mein boy trug eine Flasche Cognac, eine Flasche Whiskey, sechs Eier, ein gebratenes Huhn, eine Portion Reis, eine Flasche Essig mit Wasser, einen Sonnenschirm, eine Flasche Salmiak gegen Fliegenstiche und ein Fläschchen Öl zum Putzen des Brillengestells. Das ist unbedingt nötig, weil das Brillengestell sonst durchrostet. Ferner trug mein boy noch meine Reisemütze, die bei Nacht zu gebrauchen ist, eine Schachtel Wichse, eine Wichsbürste und endlich ein Eßbesteck. Der headcooli trug den Streckenplan und mein Armeefernglas sowie das fieldbook. Ich selbst hatte die Geldtasche mit 30 Ticals (Anm. von KS: das war die ursprüngliche siamesische Währung, Vorgänger des Baht) umgehangen sowie einen Kompaß mit Visiervorrichtung. So ausgerüstet trat meine Karawane die Reise an.

Ich war bekleidet mit einem hellbraunen Leinwandanzug, einem Tropenhelm und den Kanonenstiefeln, die ich im letzten Manöver gebraucht habe und auch während der Bauführerzeit an der Strecke WiesbadenSchwalbach, So ritt ich auf meinem Ponny, einen als Reitgerte dienenden Bambusstock inder Hand frischen Mutes aus dem Hoftor hinaus. Hinter mir trabten zumeist nur mit einem Lendentuch bekleidet die Kulis mit ihrer Ladung. Dieser Zug war die reine Karikatur auf eine ausmarschierende preußische Truppe und doch wäre die Marschleistung, die uns bevorstand, für eine preußische Truppe eine anerkennenswerte Leistung gewesen.

Gegen 11 Uhr erreichte ich Wat See Dah. Ich war etwa einen Kilometer links von der Linie abgekommen. Im Dschungel ist es aber schwer, mit dem Kompaß genauer die Richtung einzuhalten. Ich ließ die Leute abkochen und begab mich selbst auf die Suche nach der verlorengegegangenen Linie. Bald darauf war ich wieder in dem Wat, welches feierlich in einem Hain von Riesenbäumen gelegen ist und fand meine Leute dort beim Mittagsmahl dicht neben der auf einem Postament thronenden Buddhafigur.

Gegen 12 Uhr ging es wieder weiter. Ich immer voraus den Weg angebend. Der einzige Wegweiser war der Kompaß. In meinem Drang nach vorwärts hatte ich selten zurückgeschaut. Als ich nach über zwei Stunden das nächste Dorf erreichte, war kein Kuli zu sehen. Wegen der zahlreichen Bäume auf den Reisfeldern kann man selten weiter als 300 m sehen. Ich ritt kreuz und quer, rief laut und freute mich, als ich die Kerle wieder in Sicht bekam.
Die Strecke ist die wasserärmste der ganzen Linie. Zur Regenzeit wird das Wasser in Erdlöchern gesammelt. Jetzt am Ende der Trockenzeit sieht das Wasser aus wie bei uns die Pfützen. Dazu kommt, daß die Büff el auch aus diesen Wassergruben saufen und dabei den ganzen Schmutz aufrühren. Die Eingeborenen finden nichts dabei, solches Wasser zu trinken. Ich dagegen trinke dieses Wasser immer nur vermischt mit Cognac oder Whiskey. Ich war daher sehr ungehalten, als ich bemerkte, daß mein boy die Cognacf lasche aus Unachtsamkeit hatte auslaufen lassen. Um einigermaßen reines Wasser zu haben, gab ich ihm den Auftrag, das f ür mich bestimmte Wasser durch ein reines Tuch zu filtrieren. Am letzten Tag der Reise erwischte ich den Kerl dabei, wie er das Wasser durch das Bettuch, in das er sich des Nachts einhüllte, filtrieren wollte.
Die Siamesen sind zart und schwächlich gebaute Leute und ihre Marschfähigkeit ist nur gering. Dazu kommt allerdings, daß sie barfuß sind und wir Wege auf unserer Reise nicht benutzen konnten. Die Reisfelder gleichen einem gepflügten Acker. Die lehmigen Erdschollen sind jetzt in derTrockenzeit hart wie Stein. Unter solchen Verhältnissen eine Karawanezu führen, ist gewiß nicht beneidenswert.

Ferner ist der Siamese unglaublich träge. Zuweilen mußte ich wirklich den Polizeidiener spielen und die Leute mit Gewalt vorwärts treiben. Ein Teil der Leute blies, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, aus dem letzten Loch. Ich beschloß daher, da sich auch die Sonne schon dem Untergange zuneigte, für die Nacht zu rasten. So dirigierte ich denn meine Karawane nach dem nördlich der Bahnlinie gelegenen Wat Nong Quai. Die mitgenommenen Lebensmittel waren ungenießbar geworden. Ich war daher auf Bananen und Eier angewiesen, welche auch in den folgenden Tagen meine ausschließliche Nahrung bildeten. Ein kleines Päckchen Kaffeextrakt hat mir gute Dienste geleistet. Als Lagerstätte für die Nacht diente mir die Pritsche im Salar. Als Kopfunterlage benutzte ich den Sattel meines Pferdes.
Den nächsten Morgen um 10 Uhr erreichte ich das erstrebte Ziel, den Klong Phra Keo in km 83. Ich machte mich gleich an die geodätischen Arbeiten und hatte die Freude, am nächsten Morgen fertig zu sein.