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Des Buddhas Abschied vom Leben

An einem besonders schönen Platz in der Nähe des Cāpāla-Denkmals ausruhend, sprach der Buddha zu Ananda: „Wer, wie ich, die vier Grundlagen der übernormalen Fähigkeiten in vollkommenem Maße ausgebildet hat, der könnte, wenn er wollte, eine Weltperiode lang am Leben bleiben.“ Als der Buddha bald darauf Ananda seinen Entschluß kundgab, nach drei Monaten in das Parinirvana einzugehen, erinnerte sich Ananda jener Worte und bat den Buddha, eine Weltperiode lang am Leben zu bleiben, aber der Buddha erwiderte ihm: „Glaubst du denn daran, Ananda?“ und da Ananda mit Ja antwortete, fuhr der Buddha fort: „Dann hättest du mich damals darum bitten sollen, jetzt ist es zu spät, denn nun habe ich meinen Entschluß gefaßt.“

Später, nach dem Tode des Buddha, machten manche Bhikkhus Ananda den Vorwurf, er habe durch seine Unachtsamkeit verschuldet, daß der Buddha dahingeschieden sei. Sicherlich ist dieser Vorwurf unbegründet. Bis auf den heutigen Tag haben viele Buddhisten darüber nachgedacht, was der Buddha wohl mit jenem Ausspruch, vorausgesetzt, daß er wirklich so gelautet hat, gemeint haben könne. Nach einer Überlieferung, die unter den Buddhisten von Ceylon, Siam und Burma verbreitet ist, soll das Wort, das gewöhnlich mit „Weltperiode“ übersetzt wird, in diesem Zusammenhang die normale Lebensdauer eines gesunden Menschen bedeuten. Dann wäre der Sinn des Ausspruches: Wer die Grundlagen der übernormalen Fähigkeiten ausgebildet hat, der stirbt nicht vorzeitig durch Unfall oder Krankheit, sondern erreicht das normale Lebensalter. Das hat der Buddha, der 80 Jahre alt geworden ist, tatsächlich erreicht. In diesem Falle wäre aber die Berufung Anandas auf diesen Ausspruch unverständlich. Vielleicht, ja wahrscheinlich, wollte Ananda den Buddha damals auch nur bitten, noch länger am Leben zu bleiben, und der Buddha erwiderte ihm, daß sein Entschluß, nach drei Monaten hinzuscheiden, feststehe.

Nach seinem letzten Mahl, das ihm der Schmied Cunda in Pāvā gespendet hatte, erkrankte der Buddha an Ruhr, erholte sich aber bald wieder und wanderte mit Ananda nach Kusinara weiter. Unterwegs machte er Rast und bat Ananda, ihm Trinkwasser zu holen. Ananda aber schlug ihm vor, noch ein wenig weiter zu gehen bis zu dem Fluß Kakuttha, der klares, kühles Wasser führe, denn der kleine Wasserlauf in der Nähe seines jetzigen Rastplatzes fließe ganz trübe, weil soeben eine große Wagenkarawane hindurchgefahren war. Der Buddha bestand aber auf seiner Bitte, und nun folgte Ananda und fand zu seinem Erstaunen das Wasser in dem Bach klar und rein. Das hielt er für ein Wunder, das der Buddha vollbracht habe.

Im Park von Kusinara angelangt, bereitete Ananda für den Buddha eine Lagerstätte zwischen zwei Zwillings-Salabäumen, wo sich der Buddha niederlegte und noch einige Anordnungen traf. Ananda aber ging in den Vihāra, das Bhikkhuheim, blieb dort an die Tür gelehnt stehen und weinte. „Ich bin noch nicht fertig“, klagte er, „muß noch lernen und üben, und der Meister, der sich meiner annahm, wird nun bald dahinscheiden!“ Der Buddha vermißte Ananda und ließ ihn durch einen Bhikkhu rufen. Dann tröstete er ihn und sprach:

„Habe ich nicht früher schon gesagt, daß wir uns von allem, was uns lieb und teuer ist, einmal trennen müssen? Was entstanden und geworden ist, muß zugrunde gehen und hinscheiden; anders ist es nicht möglich. Lange hast du dem Vollendeten in Liebe und Treue beigestanden, in Werken, Worten und Gedanken immer auf sein Wohl bedacht. Viel Gutes hast du getan, Ananda, ringe nun weiter, bald wirst du von weltlichen Einflüssen frei sein.“ Und zu den umstehenden Bhikkhus gewandt, fuhr der Buddha fort: „Ananda ist klug, er weiß, zu welcher Zeit der Vollendete für Bhikkhus und für Laienanhänger, für einen König und seine Minister, für andere Lehrer und ihre Schüler zu sprechen ist. Wenn Bhikkhus oder Laien zu Ananda kommen, beglückt sie seine Gegenwart, wenn er ihnen einen Lehrvortrag hält, erfreut sie seine Rede, und sie haben noch nicht genug, wenn er aufhört zu reden.“

So erkannte Buddha die Vorzüge Anandas vor der Gemeinde an. Dann schickte er ihn nach dem Rathaus von Kusinara, um den dortigen Ratsherren, den Mallas, anzuzeigen, daß der Buddha in ihrem Park in der kommenden Nacht zum Parinirvana eingehen werde. Nun kamen die Mallas mit ihren Familien, um von dem Buddha trauernd Abschied zu nehmen, und Ananda hatte dafür zu sorgen, daß dieser letzte Besuch bei dem sterbenden Buddha ordnungsmäßig vonstatten ging. Diese schwierige Aufgabe löste er gewandt in der Weise, daß er die Mallas nicht einzeln, sondern familienweise vortreten und dem Buddha ihre Verneigung machen ließ. So brachte er es fertig, daß die ganze Zeremonie im ersten Drittel der Nacht erledigt wurde.