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Der Erwachte

Der gerade erwachte Buddha blieb mehrere Wochen in der Nähe des Bodhi-Baums und kontemplierte den Dhamma, die entdeckte Wahrheit, unter verschiedenen Gesichtspunkten. Dann kam er zu einem Kreuzweg seines spirituellen Werdegangs: Sollte er lehren, sollte er versuchen, seine Verwirklichung mit anderen zu teilen oder sollte er lieber ruhig im Wald bleiben und sich allein an der Glückseligkeit der Befreiung erfreuen?

Zuerst neigte er dazu zu schweigen. Er dachte, die gerade verwirklichte Wahrheit wäre zu tief, um von anderen verstanden zu werden; zu schwierig, um in Worte gefaßt zu werden; und er fürchtete, er würde nur ermüden bei dem Versuch, anderen seine Verwirklichung mitzuteilen. Aber jetzt erscheint in den Texten ein dramatisches Element.

Gerade in dem Moment, als der Buddha beschlossen hatte zu schweigen, erkannte eine hohe Gottheit namens Brahma Sahampati, der Herr der Tausend Welten, daß die Welt ohne den makellosen Weg, der zur Befreiung aus dem Leiden führt, verloren geht, wenn der Meister schweigt. Deshalb stieg er zur Erde hinab, verbeugte sich vor dem Erwachten und bat ihn demütig, den Dhamma zu lehren: „für jene mit wenig Staub in den Augen.“

Die Tiefe Einsicht

Da betrachtete der Buddha die Welt mit tiefer Einsicht. Er sah, daß die Menschen, wie Lotosblumen in einem Teich, in verschiedenen Wachstumsstadien sind. Er verstand, daß ebenso wie manche Lotosblüten nahe an der Wasseroberfläche nur noch Sonnenstrahlen brauchen, um über das Wasser zu wachsen und voll zu erblühen, manche Menschen nur noch die edle Lehre zu hören brauchten, um zur Erwachung und vollkommenen Befreiung zu gelangen. Als er dies sah, wurde sein Herz von tiefem Mitgefühl bewegt, und er entschied sich, die von ihm gefundene Wahrheit in der Welt zu verkünden – jenen die bereit sind, zuzuhören.

Die ersten, die er aufsuchte, waren seine früheren Gefährten, die fünf Asketen, die ihn vor einigen Monaten verlassen hatten. Dort, im Tierpark Isipatana (heute Sarnath), hielt er seine erste Predigt als Buddha unter freiem Himmel. Die Predigt ist als „Dhammacakkappavattana Sutta“ (= das in Bewegung setzen des Rades der Lehre) in die Geschichte eingegangen.

In den folgenden Monaten wuchs die Gefolgschaft des Erwachten schnell, da sowohl Hausleute wie Asketen, die die befreiende Botschaft hörten, ihre früheren Glaubensrichtungen aufgaben und sich zu seinen Schülern erklärten.

Der Lehrer

Jedes Jahr, bis ins hohe Alter hinein, wanderte er durch die Dörfer und Städte der Ganges-Ebene und lehrte alle, die hören wollten. Nur während der dreimonatigen Regenzeit rastete er, um dann seine Wanderungen wieder aufzunehmen, die sich vom gegenwärtigen Delhi bis weit östlich nach Bengalen erstreckten.

Der Buddha gründete einen Sangha, einen Orden für Mönche und Nonnen, für die er detaillierte Regeln niederlegte; dieser Orden lebt bis auf den heutigen Tag und ist wohl (zusammen mit dem Orden der Jains) die älteste kontinuierliche Institution der Welt. Er zog auch viele Laien an, die den Meister und seinen Sangha hingebungsvoll unterstützten.

Die Zeit, die Siddhattha Gotama Buddha predigend und lehrend bis zu seinem Tod verbrachte, soll noch gut 40 Jahre, wahrscheinlich ziemlich genau 44 Jahre, betragen haben, bevor er sein irdisches Leben beendete.