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Reflektionen – was uns das Leben des Buddha lehrt

Das Erwachen des Bodhisatta und seine Durchschauung der leidhaften Grundlage der menschlichen Existenz – seine Erkenntnis, daß wir gefesselt sind an Alter, Krankheit und Tod – lehrt uns, wie wichtig es ist, selbst tief darüber nachzudenken und unser Leben kritisch zu betrachten. Sein Erwachen reflektiert für uns den Schlafwandel, in dem wir gewöhnlich im Sumpf unserer Vergnügungen und kleinlichen Angelegenheiten leben und wie wir dabei die „großen Dinge“ vergessen, die uns jeden Augenblick unseres Lebens ins Gesicht starren. Sein Erwachen erinnert uns daran, daß wir selbst aus dem bequemen, doch gefährlichen Kokon unserer Unwissenheit, in den wir uns eingesponnen haben, heraus müssen.

Es erinnert uns daran, daß wir von der gedankenlosen Verliebtheit in unsere Jugend, Gesundheit und Vitalität loskommen und zu einer neuen Ebene reiferen Verstehens aufsteigen müssen, das uns ermöglicht, bei unserer unausweichlichen Begegnung mit dem Herrn des Todes zu triumphieren.

Die Entsagung

Daß der Bodhisatta seinen Palast verließ, – seine „große Entsagung“ – lehrt uns etwas über Werte. Diese Lektion zeigt uns, daß das Streben nach eigener Erwachung und Befreiung innerhalb der großen Skala von Werten, mit denen wir Ordnung in unser Leben bringen können, vorherrschen sollte. Dieses Ziel steht hoch über dem Vergnügen, dem Reichtum und der Macht, die wir normalerweise vorziehen; es steht sogar über gesellschaftlichen Pflichten und weltlicher Verantwortung.
Das heißt natürlich nicht, daß jeder, der dem Pfad des Buddha folgen möchte, bereit sein muß, Heim und Familie hinter sich zu lassen und den Lebensstil eines Mönchs oder einer Nonne anzunehmen. In der Gemeinschaft der Nachfolger des Buddha waren neben den Ordensangehörigen auch viele Hausleute, hingebungsvolle Laien beiderlei Geschlechts, die hohe Grade der Erweckung mitten in ihrem aktiven Leben in der Welt erlangten. Aber das Beispiel des Buddha zeigt uns, daß wir alle unsere Werte entsprechend einer Skala ordnen müssen, die dem wertvollsten Ziel den höchsten Platz einräumt, dem Nibbäna. Nie sollten wir dem Anspruch weltlicher Verpflichtungen erlauben, uns von unserem höheren Trachten abzubringen.

Der Kampf des Bodhisattas

Als nächstes zeigt uns der sechsjährige Kampf des Bodhisattas, daß das Streben nach dem höchsten Ziel anstrengend ist und tiefe Hingabe und unablässige Bemühung erfordert.
Zu unserem Glück fand der Bodhisatta, daß die Übung der Selbstkasteiung fruchtlos ist und wir ihm in diese Richtung nicht zu folgen brauchen. Aber seine kompromißlose Suche nach Wahrheit unterstreicht, daß das Streben nach Erwachung viel Mühe mit sich bringt und die ernsthaft Suchenden bereit sein müssen, sich einer schwierigen und anspruchsvollen Schulung zu unterwerfen.

Die Erwachung des Buddha

Die Erwachung des Buddha lehrt uns, daß die höchste Weisheit und die endgültige Befreiung vom Leiden für alle menschlichen Wesen möglich ist und wir dieses Ziel selbst, ohne die Hilfe oder Gnade eines äußeren Retters, verwirklichen können. Seine Erwachung hebt auch das Ideal vernünftiger Mäßigung, den „mittleren Weg“, hervor, der den Buddhismus durch seine lange Geschichte hindurch charakterisiert hat.
Die Wahrheitssuche mag ein schwieriges Unterfangen sein, eines, das harte Anforderungen an uns stellt, aber es verlangt keine harte Buße und Selbstbestrafung von uns. Der letztendliche Sieg wird nicht dadurch errungen, daß wir den Körper quälen, sondern unseren Geist entwickeln. Und dies erreichen wir durch eine Schulung, in der sich die Pflege des Körpers und die Kultivierung unserer höheren spirituellen Fähigkeiten die Waage halten.

Der Entschluß zu lehren

Der vom Buddha nach seiner Erwachung gefaßte Entschluß ist eine weitere Lektion für uns. An dem kritischen Wendepunkt, als er die Wahl hatte, entweder seine Erwachung für sich selbst zu behalten oder sich der Herausforderung zu stellen, andere zu lehren – an diesem Punkt herrschte in seinem Herzen das Mitgefühl vor. Indem er die Stille des Waldes aufgab, nahm er die Bürde auf sich, die irrende Menschheit auf den Weg zur Befreiung zu führen.
Diese Wahl hatte einen ungeheuren Einfluß auf die spätere Entwicklung des Buddhismus, denn durch seine lange Geschichte hindurch ist der Geist des Mitgefühls sein Herzschlag und sein innerster belebender Geist geblieben. Das Mitgefühl des Buddha motivierte buddhistische Mönche und Nonnen, unter Lebensgefahr über Meere, Berge und durch Wüsten zu reisen, um die Segnungen des Dhamma mit jenen zu teilen, die noch im Dunkel verloren waren. Es ist dieses Vorbild an Mitgefühl, daß auch heute noch viele Buddhisten in unterschiedlicher Weise inspiriert, auch wenn sie ihr Mitgefühl nur in bescheidenen Taten der Güte und des Zartgefühls für jene ausdrücken, denen es schlechter geht.

Das Hinscheiden

Und schließlich lehrt uns das Hinscheiden des Buddha, sein Erlangen des Nibbäna, daß alles Bedingte dem Gesetz der Vergänglichkeit unterliegt und, daß selbst der größte aller spirituellen Meister keine Ausnahme von diesem Gesetz bildet, so wie er es selbst verkündet hat. Sein Hinscheiden lehrt uns auch, daß höchste Glückseligkeit und höchster Friede nur dadurch kommen, daß man alles Bedingte losläßt.

Denn dies ist der letztendliche Eingangsweg zur Erlangung des Unbedingten, des Todlosen, des Nibbana.